Samstag, 29. August 2015

#bloggerfuerflüchtlinge Jede/r kann helfen!

Die Antwort der Europäischen Union und der Bundesregierung auf das Drama der Vertriebenen, die nach Europa unterwegs sind, lautet weiterhin: "Schleuser" bekämpfen, Grenzen undurchlässiger machen und - irgendwie, irgendwann, nur nicht zu Lasten der Export-Rüstungsindustrie - "Fluchtursachen" bekämpfen. Der Zynismus hinter diesen Verlautbarungen ist kaum zu überbieten. Eine Flug nach Kroatien mit einer Billigfluglinie kostet weniger als € 50. Die Reise nach Budapest, der Hauptstadt eines EU-Mitgliedstaates,  mit dem Linienbus ist für € 30 zu buchen. Die Vertriebenen zahlen pro Kopf zwischen € 1000 und € 1500 für dieselben Strecken in umgekehrter Richtung. Es ist die politische und juristische Realität Europas, die die Fliehenden kriminalisiert, die das Geschäft der Schleuser macht.  Dublin II, dieses böswillige Konstrukt zur Sicherung der "Festung Europa" und der Besitzstandswahrung der wohlhabendsten Mitgliedsländer, das ist die gute Nachricht im Schlimmen, ist unübersehbar gescheitert. 

Doch die Konsequenzen bleiben aus. Der Wahnsinn, der Menschenleben kostet, jeden Tag, wird fortgesetzt. Wer dagegen spricht, muss sich Unvernunft vorwerfen lassen, "Gutmenschentum" und soll gefälligst weniger Herz und mehr Verstand zeigen. Aus dem irren Diskurs scheint es kein Entkommen zu geben, denn die Leugnung der Realität, das Beharren auf dem, was offensichtlich nicht geht und nichts bringt als mehr Leid und Tod, die mitleidlose Beschwörung einer Vernunft, der nichts rational ist als der eigene, kurzfristigste Vorteil - all das ist an der Macht! Und bleibt auch da, denn jede/r weiß doch: "Wir" können nicht das Sozialamt der Welt sein. Diese NPD-Propaganda klingt an, wo immer derart "vernünftig" in die Mikrofone gesprochen wird. Diese "Vernunft", selbst wenn sie sich vom Rassismus der Hassprediger in Heidenau und anderswo scharf distanziert, befindet sich doch in einem heimlichen Pakt mit dem "Pack". Denn die Bilder, die jeden Tag das Versagen dieser Politik anzeigen (die überfüllten Turnhallen und Zeltlager, die gehetzten Menschen an den Grenzübergängen, die Toten in den Lastwagen und Booten auf dem Mittelmeer), werden ja nicht zum Auslöser einer Politikwende, sondern zur Bestätigung und Fortsetzung des Wahnsinns genutzt.

Dagegen gilt es Flagge zu zeigen. Jede/r und jede kann jetzt helfen. Ganz direkt durch Sach- und Geldspenden, durch Sortieren der Spenden bei den Sammelstellen, durch Begleitung von Vertriebenen auf Ämter, durch Übernahme einer Vormundschaft und und und... Jede/r hat unterschiedliche Ressourcen. Ein bisschen was geht immer! Es geht aber auch darum, am Arbeitsplatz, in öffentlichen Räumen, im öffentlichen Verkehr, überall, wo Menschen unterwegs sind, dem Unverstand, der Dummheit und Herzlosigkeit etwas entgegenzusetzen, den Rassisten und Egoisten nicht den öffentlichen Raum zu überlassen, sich ihnen entgegenzustellen, wo immer sie sich versammeln, pöbeln, dumme Sprüche klopfen und Menschen bedrohen. Auch auf die Sprache kommt es an: "Pack, Vertriebene und die verunsicherte Mitte" von Anatol Stefanowitsch.

All das ist auch Politik. Trotzdem reicht es nicht: Der Diskurs des Wahnsinns muss durchbrochen werden: 



Asylanträge in den Botschaften und Konsulaten im Nahen Osten und in Afrika, sichere Reisewege finanzieren statt Frontex und "Schleuserbekämpfung", Verkürzung der Verfahren  für alle die aus Kriegsgebieten kommen und - unabhängig davon - ein Einwanderungsgesetz, das Zuzug legal ermöglicht,  ohne Asylverfahren. 


Blogger für Flüchtlinge ist eine Initiative von Nico LummaStevan PaulKarla Paul und Paul Huizing. Sie rufen alle auf:
Wenn Sie aktiv helfen möchten, gibt es viele Möglichkeiten!
Auch Pro Asyl informiert, wie jede/r MITMACHEN kann.

Dienstag, 25. August 2015

Hart kämpft (Teil 2) (Aus: DREI SABINEN)*

Hart hatte durch den Pianisten den Schmerz wiedergefunden, als den nur sie die Liebe erkannte. Wir ahnten das, natürlich. Wir hatten den Mercedes mit Harts Vater am Steuer durch den Ort rollen sehen, die Mutter klein daneben mit riesiger Sonnenbrille.  Kein anderes Haus verdiente den Namen „Villa“, damals, als dieses Kuriosum am Hang mit den albernen Putti auf den Torpfosten und der grotesken Statue ohne Arme vor der runden Auffahrt und den halben Säulenattrappen neben der schweren Eingangstür („Echter  Carrara-Marmor!“, ließ Harts Vater immer wieder jeden wissen, der es schon wusste.) Wir hatten zwar keinen Geschmack, aber erkannten instinktiv den schlechten. Die Männer nickten Harts Vater zu und lachten gezwungen über seine Witze am VfB-Stammtisch, denn er war der größte Sponsor. Aber wenn er den Raum verließ, schürzten sie verächtlich die Lippen. Über Harts Mutter wurde im Kreise der Frauen nicht gelästert. Was er ihr genau antat und wie, wollte keine so genau wissen. Dass die Mutter der Bohnenstangen-Sabine ihre Rolle nicht freiwillig spielte, konnte jede sehen, die es nicht wollte.  Unter den dunklen Brillengläsern war sie immer verheult. Kein blaues Auge, soviel ist wahr, nie.  Stets leichte Solariumsonnenbräune. Wasserstoffblond. Mehr Twiggy als Marilyn allerdings, was „in“ war, damals, aber hierzulande nicht wirklich gefiel.  Immer neueste Mode, echter Schmuck. „Er lässt es sich was kosten.“, der Satz fiel. Die Schnapsflaschen im Abfallcontainer. Die Putzfrau hatte am Mundwasser geschnüffelt: „Purer Alkohol, sage ich euch.“ 

Wir sahen im Hartschen Mercedes  die jungen Frauen, kaum volljährig wirkten sie, durch das Tor die Auffahrt hinaufrollen. Kichernd und auf den hohen Absätzen sich kaum halten könnend stiegen sie zwischen den Attrappensäulen die Treppe hinauf, wo die Frau des Hauses sie erwartete mit einem erzwungenen Lächeln und Champagnerschalen. „Orgien“, flüsterten unsere Väter, nicht ganz ohne Neid. Frau Hart wurde bemitleidet, aber sie genoss keinen Respekt. Den erwies man vordergründig dem Ehemann, hinter dessen Rücken man aber den Kopf schüttelte. Es wurde der Rücksichtslosigkeit in unserem kleinbürgerlichen Milieu in jenen 70er Jahren noch nicht die Bewunderung zuteil, die ihr erst der sogenannte Neokapitalismus und das Privatfernsehen späterhin verschaffte.

Soweit wir wussten, lebte Harts Mutter, trotzdem oder deswegen, noch, irgendwo an der Cote Azur. Während ihn der Schlag getroffen hatte, irgendwann Ende der 90er. Die Bohnenstangen-Sabine, seine Tochter, später Sabia Hart, erschien nicht zu seiner Beerdigung. Auch die Witwe, längst war sie da schon dem Hafen der entwürdigenden Ehe gen Mittelmeer entflohen, fehlte. Etwas, so ahnten wir, hatten sie gegen ihn in der Hand gehabt, Mutter und Tochter.  Schwerwiegend genug war dieses Wissen offenbar, um sie sicherzustellen beide, materiell wenigstens, schon vor seinem Ableben. Die Trauergemeinde war dennoch nicht klein gewesen. Peinlich nur, dass sich keine und keiner vorne ans Grab stellen wollte, als der Pfarrer die Abschiedsworte sprach vor dem Versenken. Lumpen lassen allerdings wollten sich die Herren vom VfB nicht. Sargträger boten sie auf und organisierten Trauerfeier und Weckessen. Im Testament wurde der Verein großzügig bedacht. Die Immobilie fiel an die Dorffußballer. Die Tochter erhielt, so hörten wir, den Pflichtteil. „Mehr als genug.“ Dass sie nicht kam, wurde ihr nicht vorgeworfen. Es galt zwar als stillos. Aber niemand erwartete von der Bohnenstange etwas anderes. Wenn wir gewusst hätten, wie sich das hässliche Entlein längst schon verwandelt hatte. Doch das erfuhren wir erst durch die Begegnung mit Kerstin und deren Folgen.

Zunächst schien es jedoch, als spiele der Pianist die Hauptrolle in der Tragikomödie, die sich anzubahnen begann. Er rief die Spröde an, die sich zierte, mit gutem Grund. Säuselte nicht, sondern befahl. Das war der Trick. „Ich sähe sie gern. Noch heute. Kommen Sie in mein Hotel. Ich erwarte sie um 18.00 in der Lobby.“ Sie widersprach, suchte nach Ausreden. Hatte sie noch nicht begriffen, wiewohl zu jenem Zeitpunkt schon über 40 Jahre alt, dass jede Rechtfertigung dem Angreifer Tür und Tor öffnete? Er war da schon drinnen, ließ nichts gelten. Es war gar keine Überredung notwendig, nur ein starker Wille und auf ihrer Seite die so lange unterdrückte Lust auf ein Abenteuer, uneingestanden freilich. So erklärten wir es uns später.

Er berichtete Hart unmittelbar nach dem Telefonat von seiner Verabredung mit ihrer, wie er sich spöttisch ausdrückte, „nur scheinbar so frigiden Freundin.“ Hart sprang sofort darauf an: „Sie ist nicht meine Freundin. Nie gewesen.“ „So ist sie immerhin, wage ich zu behaupten, deine Neigungsgenossin, glaubst du nicht? Sie wird mir verfallen wie du. Die Wette wage ich. Nach einem ersten Blick.“ „Du Teufel.“ „Du hälst nicht dagegen, bemerke ich, meine Teuerste.“ Er betonte das letzte Wort geradezu vulgär. Sie schlug nach ihm. „Ja“, lachte er, indem er ihren Arm auffing, „das wird mich teuer zu stehen kommen, du Feurige. Ich weiß es und bestehe darauf.“ Er zog sie an sich und sie ließ sich küssen. Eins führte zum anderen. Sie unterwarf sich mit Worten, für die sie errötete. Nichts brachten ihn mehr zum Lachen und in Fahrt als ihr Mangel an Selbstachtung. 

Kerstin ahnte nichts davon. Wirklich? Sie hatte unter der leichten Berührung dieses Mannes gezittert, als drohe er ihr mit Schlägen. Warum er sie wählte? War es bloßer Zufall, der ihm eine Frau zuführte, die Sabia gekannt hatte, als sie noch die Bohnenstange gewesen war? Spürte er, der Erfahrene und Gewiefte, sofort, dass die Verletztheit und die Verletzlichkeit seiner Geliebten nicht heftiger zu steigern waren als durch die Konkurrenz mit einer, die sie in ihrer mit so viel Aufwand zum Verschwinden gebrachten jugendlichen Unschönheit noch gekannt hatte? Oder sah er in der herben Frau, in unserer Kerstin, die so gar nichts mit der betörenden und verstörten roten Hart gemein zu haben schien, etwas, das uns all die Jahre entgangen war?


Kerstin war eine Mitläuferin. Immer dabei, nie beachtet. Still behütet. Ein unscheinbares, blasses Gesicht, kantige, aber geradlinige Züge, die an einem Mann sogar schön gewesen wären. Sie wirkte patent, klar, schlicht. Dabei klug. Klassenbeste. Prädikatsexamen. War nicht von zu Hause ausgezogen, sondern hatte sich im Parterre des Elternhauses eine Wohnung ausbauen und einrichten lassen bis sie den Richter heiratete. Ein zurückhaltender, höflicher Mann, viel beschäftigt. Mit dem baute sie ein Haus am Kirchberg, das beider Charaktere widerspiegelte: Modern, geradlinig, zugeknöpft. Nur die Hinterseite zum Garten hatte große Glasfenster. Über die Ehe hätten wir nichts zu sagen gewusst. Auch die Putzfrau konnte keinen Tratsch beitragen. Alles harmonisch – und öde, irgendwie. Nur ihre Freundschaft zu Klaus, dem schönen Klaus mit K, nicht dem politischen Claus mit C war rätselhaft intim. Die beiden waren schon in der Oberstufe unzertrennlich gewesen, aber niemals ein Paar. Wir vermuteten (in den frühen 90ern begann man bei Männern offen darüber zu reden, mit leicht anzüglichem Schmunzeln bisweilen) der schöne Klaus sei schwul. Das erwies sich als Irrtum, zumindest vordergründig, als er nach Italien auswanderte um einer dunkelhaarigen Schönheit willen. Diese Ehe ging schief und seit Jahr und Tag war der Klaus wieder da, hatte die Malerwerkstatt von seinem Vater übernommen und die Freundschaft mit Kerstin erneuert. Der Richter, häuslich veranlangt, schien nichts dagegen zu haben. So war es auch der schöne Klaus gewesen, der Kerstin zu jenem Konzert begleitet hatte, von dem aus die Katastrophe ihren Lauf nahm.


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* DREI SABINEN ist der (Arbeits?-)Titel eines Romanprojektes. Sein Ausgang nimmt es von hier:
- einer Wanderung durch den Märchenwald: KEIN STEG UND KEINE BRÜCKE
und hier:
und hier:
Wie alle meine Erzählungen hat auch diese vom Anfang her keinen "Plot". Mir erscheinen Bilder. Und Figuren. Drei Sabinen: die Bohnenstangen-Sabine, die kleine Sabine, die Rapunzel-Sabine. Und was aus ihnen wurde. Kinder in den 70er Jahren, die Rollschuh fahren und Brause schlecken. Ein Wehr. Disco. Der politische Claus mit C., der einmal ganz anders war, mopsig fast, bevor er gefährlich wurde. Ein paar Szenen. Unterhaltungen zumeist. Mittelgebirgslandschaft. Ein blutiger Finger, abgerissen, am Straßenrand. Der schöne Klaus mit K. Wiederbegegnungen in der Gegenwart. Unserer.
Ich erzähle diese Roman-Episoden aus der Perspektive eines "Wir". Ich weiß nicht, ob das durchzuhalten ist. Und warum es so sein muss. Noch nicht. 

Bisher:

Dienstag, 18. August 2015

KLEINE, RUNDE EHEFRAUEN. Zwei Sommer auf Rügen

Verrisse schreibe ich nicht. Deshalb wird dieser Post eine Mischung: Impressionen einer Badereise im Sommer 2015, vermischt mit Lektüreeindrücken von einem ärgerlichen, wenngleich auch amüsanten Buch, das ebenfalls eine Reise nach Rügen beschreibt: "Elizabeth auf Rügen", erschienen 1904. Dieser "Roman" gilt als "hinreißend" und "bezaubernd" (Verlagswerbung). In Zusammenfassungen las ich auch, die Protagonistin wandere "allein" um die schöne Ostseeinsel. Das ist schlicht falsch: Die Ich-Erzählerin Elizabeth, die nicht zufällig große Ähnlichkeit mit ihrer Autorin Elizabeth von Arnim hat, lässt sich von Kutscher August auf der Insel herumfahren und von Dienerin Gertrud die Koffer ein- und auspacken, die Badesachen zurechtlegen und die unerquicklichen Verhandlungen mit den Hotel- und Pensionswirtinnen führen. 



Von Arnims "Rügen-Abenteuer" sind ein interessantes Beispiel dafür, wie durch eine weibliche Autorin als Kronzeugin ausnahmslos alle weiblichen Figuren der Lächerlichkeit preisgegeben werden: die um Emanzipation ringende Cousine Charlotte ebenso wie die unermüdliche, sich als "Perle" aufopfernde, "unansehnliche" Dienerin Gertrud, die fleißigen, aber schlichten und schlecht kochenden Wirtinnen der Pensionen oder die bigotte, britische Bischofs-Gattin Mrs. Harvey-Browne. Selbstverständlich: Auch die männlichen Figuren, Charlottes berühmter Gatte Professor Nieberlein oder Ambrose, der Sohn der nervenden Harvey-Browne, genannt Brosy, werden von der Erzählerin ironisch dargestellt, doch anders als die weiblichen Figuren mit jener "mütterlichen" Nachsicht geschildert, die bis heute eine der stabilsten Säulen des Patriarchats ist. 

"Elizabeth auf Rügen" wird von einer bornierten Erzählstimme getragen, die nicht mal klammheimlich auf das zwinkernde Einverständnis einer patriarchalen (männlichen wie weiblichen) Leserschaft schielt, die sich mit dieser patent-fröhlichen Erzählerin über Bigotterie, Wissenschaftssprache und Emanzentum gleichermaßen lustig macht, den eigenen privilegierten Status ungeniert genießt und heiter-charmant ausnutzt, gelegentlich putzig aus dem gewohnten Trott ausschert (nämlich in diesem Fall als Gattin und Mutter eine Reise ohne Ehemann unternimmt), um desto sicherer und gestärkter die Normativität (hier: britisch, pseudo-weltoffen, großbürgerlich und/oder adelig, heterosexuell) zu vertreten. 




Im Sommer 2015 ist Binz, der Hauptbadeort der Insel Rügen, überfüllt mit Badegästen, die meisten von ihnen Familien mit kleineren Kindern oder ältere Paare. Und damals wie heute: Heteronormativität rules everywhere. Alleinreisende möchte eine hier im Sommer nicht sein. Auf der Promenade ist nur selten ein Durchkommen, die Hauptstraße boomt, aber schon in den Seitengassen sieht´s mau aus. Hässliche Badeklamotten, die in der großen Stadt nur in Ein-Euro-Kaufhäusern angeboten werden könnten, werden hier zu Höchstpreisen verhökert. Man will irgendwie ein bisschen auf Haute Couture machen. Das Publikum ist aber nicht danach, weder figürlich noch preislich. Männer strecken am Strand ihre Bäuche vor und in die Sonne. Die meisten Frauen ziehen ihre ein. Wie immer gibt es auch hier Ausnahmen von der Regel. Es riecht nach verkohlter Bratwurst und Räucherfisch. Aber eine kann ja auch aufs Meer rausschauen. Oder wandern gehen.

Schon wenige hundert Meter fern von dem hektischen Geschehen wird's still und schön: die Granitz, ein lichtdurchfluteter Buchenwald erstreckt sich zwischen Binz und Sellin. Mitten drin das verwunschene Grabmal eines finnischen Kriegers, an dem schon "Elizabeth auf Rügen" einschlief, bis sie von den Harvey-Brownes geweckt wurde, Mutter und Sohn aus England auf der Suche nach dem deutschen Geist um die Jahrhundertwende. Die Mutter mag Nietzsche nicht, der Sohn schwadroniert prächtig daher über Sein und Sinn und sucht die Begegnung mit einem deutschen, verbeamteten Philosophen, mit dem Elizabeth verschwägert ist und der späterhin - in einem wetterdichten Regenmantel - noch auftauchen wird auf der Suche nach seiner Frau Charlotte, einer deutsche Suffragette, die Streitschriften verfasst, über die sich die Kreuzzeitung (für die unter anderem Fontane schrieb) nicht weniger lustig macht als unsere patente, "bezaubernde "Elizabeth, der der emanzipatorische Furor der eheflüchtigen Charlotte gehörig auf die Nerven geht. 





Durch den märchenhafte Granitz-Wald wanderten auch wir im Sommer 2015 - mit einem Abstecher an den sagenumwobenen schwarzen See, auf dem gelb die Seerosen schaukeln - nach Sellin. Für mich zweifellos der schönste Ort der Insel. Das machen die Seebrücke und die Wilhelmsstraße und die Erinnerungen. Zweimal waren wir mit unseren Söhnen in Sellin. Morgens liefen wir mit unseren Badetaschen eine kurze Strecke die pittoreske Wilhelmsstraße hinauf, jedes Mal wieder überwältigt vom sich plötzlich steil öffnenden Blick auf die See. In einem Sommer verschwanden die Jungs fast vollständig in ihrem Strandkorb. Sie hatten sich Blöcke und Stifte kaufen lassen im letzten Kiosk vor dem Abstieg die "Himmelsleiter" vom Hochufer hinunter in den Sand. Mehr wussten wir nicht. Sie spielten nicht Ball, sie stürzten sich nicht in die Wellen. Gelegentlich hörten wir sie miteinander murmeln, manchmal erklang ein Siegesruf oder ein enttäuschtes "Oh". Über die Tage erfuhren wir, dass sie sich ein Spiel erfunden hatten, eine eigene "Tour de Ostsee": Radsportteams, Bergetappen, Sprints, eigentümliche Bepunktungen, Pannen und Stürze inklusive. Für unseren beschränkten Intellekt war es zu komplex und zu kompliziert. Aber sie waren glücklich und ließen sich nur selten überreden, Ausflüge mit uns zu unternehmen. 

"Elizabeth auf Rügen" und ihre Cousine Charlotte, die einander wenig mögen, weil die eine ihre Ruhe und Naturbeschaulichkeit will und die andere sie zur Emanze bekehren, eint in jedem Fall ihr Standesdünkel und ihr Misstrauen gegen die Lust der anderen, der "einfachen" Frauen an ihren Körpern. Dienstmägde wie Gertrud sind am besten schweigsam und unattraktiv. Die gute Gertrud bleibt immer angezogen und hilft lediglich ihrer "Herrin" zum Bade aus den Kleidern. Versuchungen kann sie stets widerstehen. Ganz anders als "die Mädchen", die Elizabeth auf der Insel Vilm beobachtet, die sich beim Baden "überhaupt nicht zu genieren" scheinen. Elizabeth, die genierliche bürgerlich-adelige Beobachterin, unterstellt den einfachen Mädchen erotische Absichten. Ihre Lust am gemeinsamen Spielen und Toben im Wasser kann sie sich anders nicht erklären, denn als Versuch, junge Männer anzulocken. Auch hier zeigt sich noch einmal, dass von Arnims Blick auf Frauen sich niemals aus einer patriarchalen Sicht löst. Charlotte dagegen, die "emanzipierte" Frau, die theoretisch für die Berufstätigkeit und Unabhängigkeit aller Frauen kämpft und an die weibliche Solidarität über Klassengrenzen hinweg appelliert, kennt keine Gnade für ein Stubenmädchen, das sich nachts heimlich auf der Veranda der Pension mit einem Liebhaber verabredet. Dieses "unmoralische" Verhalten petzt sie nicht nur bei der Pensionswirtin, sondern will diese auch zwingen, die junge Frau zu entlassen. Die gibt ihr gegenüber auch nach, kaum ist die Kutsche mit den feinen Damen jedoch die Straße hinunter gerollt, so berichtet Elizabeth, die Erzählerin süffisant, sieht man das "gefallene" Stubenmädchen oben im Haus die Fenster putzen.


Schon in den Nuller-Jahren führte uns einer der wenigen Ausflüge nach Putbus, von wo der Aufstieg Rügens zum Tourismusmagnet im vorvergangenen Jahrhundert ausging. Fürst Malte, dem die halbe Insel gehörte, gründete die Stadt 1810. Die Leibeigenschaft war erst einige Jahrzehnte zuvor aufgehoben worden, doch die Gesetze, die eine freie Ansiedlung weiterhin verboten und die Beibehaltung der Eigentumsverhältnisse verhinderten eine echte Befreiung der ansässigen Bevölkerung. Fürst Malte schuf eine geweißte, klassizistische Stadt, deren Zentrum der überdimensionierte Circus ist, ein - für die Verhältnisse der Kleinstadt - riesiger, runder Platz, in dessen Mitte sternförmig die Wege zusammenlaufen. Putbus heute ist eine eigentümliche Mischung aus Restauration, Puppenstuben-Nolstagie, kritischer Befragung der Vergangenheit und Verfall. Die meisten alten Häuser tragen Schilder, die ihre Geschichte zusammenfassen. Es lohnt sich, auch durch die Seitenstraßen hinter dem Circus zu spazieren. Auf den Tafeln an den Häusern wird deutlich, wie Maltes Stadtgründung auch einen kleinbürgerlichen Aufschwung auslöste, Möglichkeiten für Handwerker, Ärzte und die Lehrerschaft des am Circus eingerichteten noblen Internats, sich repräsentative Häuser zu bauen. 

Im Sozialismus wurde die berechtigte Kritik am Feudalismus ins Zentrum gerückt. 1960 wurde das Schloss der Putbusser Fürsten weggesprengt. Geblieben sind der herrliche Landschaftspark und die lichtdurchflutete klassizistische Kirche, vor deren großen Fenstern die Hirsche grasen. Der Kapitalismus von heute erfreut sich am verklärten Blick auf eine Vergangenheit, in der alle sich zierlich in Reifröcken auf den Promenaden flanieren sehen, aber keine den Regenschirm über die fürstlichen Häupter halten will. Es wurde sicher viel gefroren und oft gehungert, auch in Putbus, fühlte ich und fröstelte. Ich kaufte mir in einem chinesischen Billigstore einen maritimen Kapuzenpullover und schlenderte durch den Park und eine lange Allee hinunter ins idyllische Neuendorf und weiter, am Bodden entlang, zum Hafen nach Lauterbach, dem ersten fürstlichen Badeort, wo heutzutage vom Kutter aus angeblich die leckersten Fischbrötchen der Insel verkauft werden. Aber Fischbrötchen sind nicht mein Ding. Ich lutschte Lakritze. 

Elizabeth auf Rügen wird auf ihrer Reise gen Norden weiter belästigt von ihrer aufdringlichen Cousine bis deren Ehemann, der Professor, in der Stubbenkammer auftaucht. Das "brave Lottchen" liebt er gar aufrichtig, wenn er auch ihre Rebellion nicht versteht. Elizabeth, die Erzählerin, schildert das Wiedersehen der Eheleute trefflich: "´Ach ja´, seufzte der Professor, streckte die Beine unter dem Tisch aus und rührte in der Kaffeetasse, die der Kellner vor ihn hingestellt hatte, (zu Brosy) ´vergessen Sie nie, junger Mann, das einzig wirklich Wichtige im Leben sind die Frauen. Kleine, runde, weiche Frauen. Kleine schnurrende Miezekatzen. Eh, Lotte? Manche von ihnen wollen zwar nicht immer schnurren, nicht wahr, Lottchen? Manche miauen viel, manche kratzen, manche schlagen zuweilen tagelang zornig mit ihren unartigen Schwänzchen. Aber alle sind weich und angenehm und eine Zierde vor dem Kamin." Mit dieser herzigen Rede erweckt der Professor die Bewunderung aller anwesenden Damen mit Ausnahme seiner eigenen, die eisern schweigt. Kaum ergibt sich die Gelegenheit flieht sie. Die Ich-Erzählerin opfert sich, ihrer eigenen Sehnsucht nach Alleinsein zum Trotz, nimmt sich des verlassenen Professors an und eilt der Cousine nach, quer durch Rügen, um die "tugendhafte" Ehe zu retten. Es geht über Glowe und Kap Arkona schließlich nach Hiddensee, wo die arme Charlotte gestellt wird und der "Roman" zu Ende geht. 

Wenn ich Sellin für den schönsten Ort der Insel halte, so Lohme für den nettesten. Lohme erreichten wir als Endpunkt unserer Hochuferwanderung von Sassnitz aus, vorbei an allen markanten und bekannten Aussichtspunkten: Störtebecker Bucht, Wissower Klinken (abgebrochen 2004), Ernst-Moritz-Arndt-Sicht, Viktoria-Sicht, Königsstuhl. Lohme ist ein beschauliches, ehemaliges Fischerdörfchen, heute Hotels, Pensionen, schlichte Wirtschaften und ein kleiner Yachthafen. Im Café Niedlich wird leckerer Kuchen serviert und Männern, die das Damen-Klo benutzen, mit einer Amputation gedroht. Am schönsten, stelle ich mir vor, muss es hier im Herbst sein: die rauere See, die gelben Buchenwälder, der starke Tee. Busse kommen nur selten. Aber es gibt schon einen Golfplatz in der Nähe.

Elizabeth, die ironische Erzählerin, scheitert natürlich. Wieder zu Hause erfährt sie, dass die von ihr dem Ehemann wieder zugeführte Charlotte "die Scheidung eingereicht habe. Als ich das hörte, war ich wie vom Donner gerührt." Die zauberhafte Elizabeth ist ihren Leserinnen und Lesern eben ganz Frau, ein bisschen töricht, stets in charmanten Irrtümern befangen und an Aufklärung nur bedingt interessiert: "Nun, Frauen haben mich schon immer in Staunen versetzt, wobei ich mich selbst mit einschließe, neige ich doch stets zu Torheiten, von denen ich einfach nicht lassen kann." So ist es. Entzückend. Und: Ich habe die Ironie schon verstanden. Sie erscheint mir nur bei Elizabeth von Arnim, wie auch sonst nicht selten, als ein besonders perfides Stilmittel, der sich selbst beweihräuchernden, koketten Feigheit. Ein Roman, den niemand lesen muss. Aber, selbstverständlich, kann, könnte. Ganz nett. Für Miezekatzen, die manchmal miauen. 

Ich badete nur vor Binz (Temperaturen zwischen 17 und 20 Grad). 
Das beste Gasthaus dieser Sommerreise war die Strandhalle in Binz (wenn auch vor Ort "überlobt". Anderswo habe ich, in derselben Preisklasse, auch schon besser gegessen.)
Am glücklichsten war ich in Neuendorf am Bodden.
Am unglücklichsten im Prorarer Treppenhaus-Witz-Museum.
Am billigsten war es in Lohme.
Am teuersten ist es in Binz.
Der schönste Ort der Insel für mich, ich schrieb es schon, bleibt Sellin. Der netteste ist Lohme (siehe oben).


Sommerfrische und Ostsee, das bleibt für mich verbunden, von Kindesbeinen an. 
Als kleines Mädchen, als junge Frau, als Mutter, als alte Frau. 
Auf dem Darß und auf Usedom war ich (noch) nicht.


Elizabeth von Arnim: Elizabeth auf Rügen, Insel 2012

Donnerstag, 6. August 2015

PRORA: Idylle totalitär - Die Furcht einflößende "Erinnerungsarbeit ohne Büßerhemd"

Schon einmal war ich hier. In PRORA, wo das "Dritte Reich" seine größte Bauruine hinterlassen hat. Und sah mir diese "Ausstellung" an. Jünger und offenbar nachsichtiger. Nahm es damals mit Humor. Das gelingt mir dieses Mal nicht. Vielleicht ist das "Museum KulturKunststatt" aber in den letzten 10 Jahren auch schlimmer geworden: voller, bunter, plastischer. Zu befürchten ist, dass die Gentrifizierung hier zu spät kommt. Weil das aus Volkes Mitte kommt und Volkes Mitte sich hier wohl fühlt. Das wird sich halten sogar gegen den Zugriff des Kapitals und der Latte Macchiato-Fraktion. 



Ich lerne neue Wörter hier, immerhin: Altersruhestandsaufgabe. Computer-Panzer-Schieß-Simulatoren-Anlage. Mehrbahnen-Schiessanlage. Und dass eine verarmte indische Fischerfamilie 10 € pro Monat kostet. Das ist sicher gut gemeint. Man pflegt auch unter dem Titel "Museum Freundschaften" die Kontakte nach Schweden (Königsfamilie, Kürassier-Regimenter), Polen (Danzig bleibt Danzig) und ins Burgenland (Heurigenstuben). Es gibt "Zeitfenster", DDR-Schreibmaschinensammlungen, Reichsnähmaschinen, DDR-Motorradwelt, KdF (KraftdurchFreude)-Museum, NVA-Museum, ein "Wiener Kaffeehaus", den Panoramasaal Silberreiher, Modell-Anlagen, Power Point-Vorträge (im Jubiläumsjahr gratis), Kamera-Raritäten, Sonderausstellungen (Kinderzeichnungen), rügentypische Objekte, Schnitzwerk, Silbermünzen und vieles, vieles, vieles mehr. KulturKunststatt PRORA nennt sich das. All in one (Sprachpuristen sind sie nicht.). "6-Stock-Treppenhaus-Erlebnis." 

Nachgebauter NVA-Schießstand mit Stoffblumendekoration

5000qm. Für die, wie gesagt, mein Humor nicht mehr reicht. Am Info-Point liegt ein Buch über "die Frauen" aus, dessen Klappentext darüber aufklärt, dass sich der Mensch seit Jahrtausenden über sie den Kopf zerbreche. "Historiker und Heraldiker", wird auf Tafeln stolz in jedem Stockwerk verkündet, hätten der "Erinnerungsarbeit ohne Büßerhemd", die hier geleistet werde, das "Privileg" zuerkannt: "Kulturgeschichtlich für den Rügen-Tourismus besonders wertvoll". Namen werden nicht genannt. Das kann, trotz aller Skepsis gegen die Zunft der Heraldiker und Historiker, nicht überraschen. 40 Fernsehteams drehten schon "bei uns, weil wir interessant sind". "Nicht glorifiziert, nicht negativ": weder Hitlers Kraft-durch-Freude-Weltbad, noch die Chemischen Dienste der NVA in Prora. Mehr geht nicht. Mehr passt nicht rein. Sammler-WUT schafft Idylle totalitär. Fahnen und Gewehre. Plastikblumensträuße in jedem Raum. "Herzhafter Mittagstisch." Historisch. Militärisch. Technisch. Naturwissenschaftlich. Hier ist zusammengewachsen, was zusammengehört. Das wird sich halten.

25 Jahre keine kommerzielle Verwendung für den Mammutbau haben das ermöglicht. Und das wütige Engagement des "kleines Mannes", der sich seine Vergangenheit nicht nehmen lassen will. Es waren immer irgendwie für manche auch gute Zeiten. Das darf gesagt werden. Das muss sogar gesagt werden. Aber im Kontext: Der Vernichtungskrieg im Osten. Die massenhafte Ermordung der europäischen Juden. Zwangsarbeiter auf Rügen. Die Aktion Rose. Die Fluchten über die Ostsee. Das, was fehlt. Mit Absicht. Denn: "Wir sind stolz." "Das war unser Leben." Das Leben der anderen. Immer schon ausgegrenzt. Abgehängt. Weggedrängt. Vernichtet. Der "kleine Mann" (und die "kleine Frau"? - Stoffblumen, Deko-Vorhänge und Streuselkuchen) fühlen sich so. Sie sind authentisch. Die verfolgende Unschuld. Der Wille zur Geschmacklosigkeit, vor dem man sich fürchten muss. Gäste-Bücher voller Lob. Besucher-Massen. Das wird sich halten.


Das neue Prora: "Einmalige Strandlage." "Rendite made in Germany"

Die Gentrifizierung hat 25 Jahre zu spät begonnen. Bau-Boom in Prora. Schicke Eigentumswohnungen mit AfA-Vorteil entstehen jetzt. Fast alle fertiggestellten schon verkauft. Prora boomt. Die Düne vor der Wohnzimmertüre. Industrial-Schick. Das läuft. "Besser", sagt der ältere Herr in Freizeitkleidung (West-Tonfall), "besser kann die Lage nicht sein." Seine Gattin nickt. Das Bad der Musterwohnung sagt zu. Vor der Fensterfront entstehen Swimmingpools als Gemeinschaftseigentum. Weniger Kraft durch Freude als Altersruhesitz oder Geldanlage für das betuchtere Achtel der "Massen". Linke und Rechte haben im 20. Jahrhundert versucht, die Massen zu kontrollieren: Einheitsunterkünfte, Einheitskultur, Einheitsdenken. Der Kapitalismus lockt mit der Wahl zwischen unterschiedlichen Lichtschaltergarnituren. Kommt er hier doch zu spät? 

Prora wird schick. Dazwischen heißt es auf 5000qm: WILLKOMMEN IN DER VERGANGENHEIT. Wo Gemütlichkeit und German Angst herrschen. Das wird sich halten. Fürchte ich. 


(Ahmen Sie unseren Fehler nicht nach, wenn Sie nach Prora kommen. Fördern sie die "Erinnerungsarbeit ohne Büßerhemd" nicht durch die Entrichtung von € 6,90 Eintrittsgeld! Radeln oder wandern sie weiter. Es gibt ein sehenswertes und reflektiert kuratiertes Dokumentationszentrum zu Prora "MACHT.Urlaub" nur wenige Meter weiter.)


Dienstag, 4. August 2015

"NOW, I USE MY POWERS FOR GOOD..." Menschenfreundin in Hamburg

Burka Avenger (pakistanische Animations-Serie seit 2013, entdeckt im Museum für Kunst und  Gewerbe, Hamburg)
Die ganze Stadt funkelte regenbogenfarben, alles gestellt auf hanseatisch-unterkühlte LIEBE FÜR ALLE.  Im Rathaus wurde schon der Empfang für die Aktivist_innen vorbereitet. Den CSD-Umzug haben wir jedoch nicht gesehen. Der fand erst Samstag statt. Da fuhren wir am frühen Morgen mit dem Taxi durch die noch leeren Straßen, schon gesperrt für den großen Umzug. Sicher wurde es später heiß. "Die machen sich frei.", lachte unser umsichtiger Taxifahrer. "Manche ganz." Das mussten wir nicht unbedingt sehen. Nackte Körper, unterschiedlicher und weniger normiert, vermutete ich, würden wir auch an der Ostsee sehen (können). Allerdings: Ruckzuck nach der "Wende" wurde an deutschen Stränden die Freiheit eingeschränkt, nackt baden war nur noch erlaubt in ausgewiesenen, an den Rand verlegten Zonen, nahe Hundebadestrand, fast immer. Denn der Wessi kannte und kennt nur eine kommerzialisierte und zu kapitalisierenden Sexualität und Erotik, die ihm der unverstellte Blick auf die Vielheit der Körper, die sich dem Diktat der "Schönheits"industrie nicht unterwerfen, glatt verderben könnte. So was will er sich nicht angucken: echte Falten, echtes Fett, echte Flecken, Brüste in unterschiedlichsten, ungleichmäßigen Formen, Vorhöfe bei Männern und Frauen, dunkler und heller, breiter und schmäler, ein (Selbst-)Bewusstsein von Körpern, die weder käuflich sind, noch schamhaft zu verbergen, damit der (kapitalistische) Geist sich ausbreiten und die Wände mit Körper-Waren bekleben kann. 

Wir fuhren also - letzten Donnerstag - nach Hamburg. Das Blog, hatte ich mir einmal gesagt, solle mir auch Erinnerungstagebuch sein, vor allem der Reisen (Unterwegs). In den letzten anderthalb Jahren ist das spärlicher geworden: Krankheit, Erschöpfung, zu viel Erwerbsarbeit vor Ort, der Hausverkauf, der Umzug. Es gibt viele Gründe. Sie verdecken etwas, was eine die Wahrheit (?) nennen könnte. (Die sich auch hier, gerade hier, nicht sehen lässt.) Nicht nur die Berichte, auch die Reisen wurden in dieser Phase seltener. Seltener unterwegs war ich nicht nur beruflich, auch die große Sommerreise fiel im letzten Jahr wegen des Hausverkaufs aus. Aber: Zur diesjährigen Reise nach München über Pfingsten habe ich im Blog auch (noch) nichts geschrieben: das Wiedersehen mit dem Gasthof in Aying (bayrisch-konservativ, bürgerlich-gediegen im besten Sinne), die großartige Ausstellung zu Louise Bourgeois im Haus der Kunst "Strukturen des Daseins. Zellen" (darüber - vielleicht - werde ich doch noch einmal etwas schreiben, Notizen und der Katalog liegen zu Hause, im "neuen" Zuhause bereit), die kuratorische Arbeit von Okwui Enwezor, der das Haus der Kunst in München weit öffnet, so dass - anders als beispielsweise in Frankfurt, wo Max Hollein einen Publikumsrenner nach dem anderen kreiert, aber doch weitgehend im Umfeld männlich-weiß- europäisch/nordamerikanisch-white-cube-autonome-Kunst-Betrieb verharrt - aus sehr unterschiedlichen, sehr fremdartigen (für den europäischen, weißen Blickwinkel) Perspektiven Welten vor- und dargestellt werden. Wir sahen eine begeisternde Ausstellung zur Arbeit des ghanaisch-britischen Architekten David Adjaye, die nicht nur Eindrücke über die fertig gestellten privaten Bauwerken des Architekten vermittelte, sondern vor allem Einblicke in seine Ideen zur Städteplanung. Weitere Erlebnisse und Erfahrungen in München, auf die ich aufbauen will: die erneuerte Faszination an Technik, vor allem an der Luftfahrt, die ein Besuch im im Deutschen Museum wiedererweckte und Nachdenken über das Anthropozän, in dem wir leben und für das wir Verantwortung übernehmen müssen, auf neue und uns vielleicht als Gattung überfordernde Weise. Zu all dem also habe ich - wie früher, vor dem Bloggen - Notizen gemacht, aber keine Texte geschrieben.Ich brauche Zeit, um zurückzufinden in den Schreibmodus, den beinahe täglichen, auch Zeit, um herauszufinden, ob und wie ich das überhaupt noch will (und brauche). 

In diesem Jahr, endlich, wieder: MEER, eine Erholungsreise, wie vor zwei Jahren schon einmal, an die Ostsee. Diesmal - wieder, wie vor vielen Jahren mehrfach mit unseren Söhnen, Amazing und Mastermind -  nach Rügen. Zuvor zwei Nächte in Hamburg. Die Hanseaten sind anders, stellte ich fest. Anders als die wenige Wochen zuvor erlebten Münchner. Dabei sind das, selbstverständlich, bloß kursorische, vorurteilsbehaftete Eindrücke. In München wirkte alles adrett und verkaufsoffen als Einkaufs- und Erlebnisparadies für kaufkräftige Touristen aus aller Herren Länder, insbesondere für die Patriarchen und ihre Entourage aus dem sogenannten "Nahen Osten". "Sind´s halt wias sind.", sagt sich der Bayer und zählt Scheine. In München ist man liberal und weltoffen gegenüber allem und jeder, wenn die Bezahlung stimmt. Geschäft ist Geschäft. Dabei gilt doch eigentlich (einen 50er für jedes "eigentlich") Hamburg als liberale Weltstadt: der Hafen, die international vernetzten Pfeffersäcke, die Matrosen, die Tante "ZEIT" und nicht zuletzt Helmut Schmidt, der "Mann, der in der falschen Partei ist" (wie seit ihm beinahe alle "führenden" Sozialdemokraten, nur dass sie meist noch weniger sozial und noch weniger liberal daher kommen als ihr Ur-(Vor)Bild aus der Hansestadt). 

In Hamburg ballt sich die Nobel-Verkaufszone um den Jungfernstieg, alles wie Goethestraße/Frankfurt, nur üppiger und weniger Chinesen. Aber: In Hamburg, dachte ich, werden vielleicht noch Geschäfte jenseits des Konsums oder der virtualisierten Finanzwirtschaft gemacht, sitzen vielleicht immer noch hinter dicken Türen an voluminösen Schreibtischen Wirtschaftsmagnaten und wickeln Transfers ab, bei denen "echte" Güter umgeschlagen werden. Auf den Gassen jedenfalls sind sie nicht zu sehen oder jedenfalls weniger als in München: die Schönen, Gestylten und Kaufkräftigen, auch weniger landestypisch dekoriert. Hamburg ist bunter und kaputter und zugiger. Es drückt weniger schwer und zieht kräftiger durch. In Hamburg muss man sich warm anziehen. Besonders wenn man, wie Flüchtlinge und Obdachlose, unter den Brücken der Außenalster haust, in kleinen Zeltlagern, eng aneinander gerückt, nah und doch so fern dem Touristentrubel um die Binnenschifffahrtsanleger. In Hamburg ist mehr Armut und Angst und Widerstand auf den Straßen sichtbar. Bilde ich mir ein. Nach anderthalb Tagen. Ich bin leicht und gern zu widerlegen.



Kaiserkeller, ein halbes Jahrhundert nach den Beatles

Wir gaben uns ganz offen als die Touristen, die wir waren (nichts lächerlicher als Reisende, die sich von den "anderen" Touristen distanzieren und über diese mokieren...): Hafenrundfahrt, Speicherstadt und sogar ein geführter Reeperbahnrundgang, allerdings nicht die Zoten-Huren-Tour (oder so), sondern die Beatles-Tour, ein Geburtstagsgeschenk für Morel, dem die Fab Four zwar nicht - wie Bob Dylan - eine Religion sind, aber doch wichtig. Geführt wurden wir von Peter, der die Beatles als Junge noch im Viertel getroffen hatte, sich jedoch erst später darüber klar wurde, wer die jungen Engländer, die im Hinterhof feines Kinos Quartier bezogen hatten, gewesen waren. Er zeigte uns Fotos von John in Unterhose vor dem Eingang zu ihrer damaligen Unterkunft, von John, Paul und George auf dem Dach des ehemaligen Top Ten, eines damals viel frequentierten Clubs, dessen Gebäude heute als Porno-Kino dient. Der Radius der blutjungen Musiker aus Großbritannien in Hamburg war eng: in wenigen Straßen rund um die Kreuzung Reeperbahn/Große Freiheit befanden sich die Clubs, in denen sie spielten, ihre Unterkünfte und nur ein paar hundert Meter weiter die Polizeistation Davidwache, in der Paul und George eine Nacht wegen angeblicher Brandstiftung festgehalten wurden. Peters Erzählungen machten deutlich, wie sich das Viertel in den vergangenen Jahrzehnten verändert hatte: von der Clubszene zur Partymeile. Drogen, Prostitution und Gewalt spielten immer eine Rolle. Damals aber bewegten sich in dieser Szene die  Ausgestoßenen, die Anderen, die Mutigen, die etwas Neues ausprobieren wollten, heute sind der Schmutz, der Rotz und der käufliche Sex zur Kulisse für die Polterabende und Gruppenbesäufnisse der Massen geworden. 

Diese Umwertung ist auf ihre Weise so erstaunlich (und vielleicht in ähnlicher Weise erklärlich) wie die Entwicklung des Tattoos vom Kennzeichen der gesellschaftlichen Außenseiter zum Haut-Accessoire der Schickeria und ihrer Mode- und Lifestyle-Magazin-geschulten Anhängerschaft. Das Dunkle, Harte, Abenteuerliche hat offenbar eine besonders große Anziehungskraft in Zeiten und Kreisen der umfassenden Vollkasko- und Lebensversicherung, wo die größte Herausforderung des Lebens eine Umstellung des Zugplanes darstellt. Ich werde zynisch. Wir gehören ja eben genau zu jener Mittelschicht, die sich mal eine amüsante Führung über die Reeperbahn gönnt. Bloß dass das Dunkle draußen, der Schmutz, die Gewalt, die Käuflichkeit mich nicht verlockend anziehen, da sie inwendig in mir wohnen und vor meiner gut restaurierten und voll etablierten Fassade täglich andersrum hausieren gehen. 

Hanseaten - im Übrigen - sind offenbar sehr viel weniger prüde "als bisher angenommen" (ich liebe und hasse diese Wendung, die eine in den Nachrichten öffentlich-rechtlichen Zuschnitts immer öfter hört). Schon Barthold Heinrich Brookes fand ein "Irdisches Vergnügen in Gott" und besang "alle Dinge":


Alle Dinge, große, kleine

flüssig, trocken, weich und hart,

Tiere, Pflanzen, Holz und Steine
zeigen Gottes Gegenwart.


Das haben sich die Hamburger Stadtväter (und -mütter?) zu Herzen genommen und in der Brockes-Straße, nahe des Hauptbahnhofes, an einer Rückseite des Hamburgischen Museums für Kunst und Gewerbe diese Tür angebracht, deren unprüde Darstellungen allenfalls dadurch irritieren können, dass die Körper fragmentarisch bleiben:

Tür am Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg
Barthold-Hinrich-Brockes-Straße

Wir suchten das Museum auf, um uns die legendäre SPIEGEl-Kantine anzuschauen, die hier rekonstruiert aufgebaut ist. Dieses Gesamtkunstwerk (eigentümliches Wort, unterstellt es doch es gebe Halb- und Dreiviertelkunstwerke, als die dann - vielleicht gar nicht so falsch - all jenes künstlerisch Gestaltete zu gelten hätte, dass neben dem Darstellungs- und Kritik-Wert sowie dem Tausch-Wert keinen Gebrauchswert anzubieten hätte) hat die SPIEGEL-Redaktion mit dem Umzug in ein neueres, hässlicheres und zeitgemäßeres Gebäude mit Elbesicht aufgegeben. Diese Aufgabe muss der SPIEGEL-Belegschaft erst mal eine/einer nachmachen, soviel Selbstverleugnung und Selbsthass drücken sich in dieser Geste aus, getarnt freilich, als Zeitgeist und Selbstüberhebung. 

Spiegel-Kantine von Designer Verner Ponton

Die Tante "ZEIT" derweil residiert weiterhin unweit der Brandstwiete und weist mit sechs Ausrufungszeichen darauf hin, wohin die Zeitungen zu liefern sind, aus denen ab- und mitgeschrieben wird. Qualitätsmedienstadt Hamburg! Live und in Farbe. Geschmackvoll, stilsicher, relevant.


Wir indes entdeckten wenige Meter weiter das Chilehaus, einen Architekturjuwel, in das Sie unbedingt, sollten Sie einmal in Hamburg sein, auch hineingehen müssen, um die Innengestaltung der Treppenhäuser zu bewundern. Zwischen Hafenstraße und Schanzenviertel stießen wir auf erstaunlich viele spanische und/oder portugiesische Lokale. In einem (dem La Sepia) speisten wir leckeres Kaninchen bzw. Paella und tranken dazu den einfachen, aber guten Hauswein. Noch mehr Service-Tipps: Wir haben auch in Hamburg ein Lieblingshotel gefunden. Das Eilenau Hotel liegt idyllisch an einem Kanal, zentrumsnah (U-Bahnstation Uhlandstr.) und doch ruhig, mit einem schönen Garten, verspielt, blumig und individuell eingerichteten Zimmern. Es wird ein nicht billiges (€ 14,50), aber ganz besonderes Frühstück serviert (Eierspeisen frisch, dazu ein Buffet, das alles bietet, was man so aus guten Hotels kennt und dazu viele Extras: russische Eier, Eier mit Lachs gefüllt. geeiste Himbeeren mit Vanille-Creme, Griespudding mit Erdbeeren, gefüllte Törtchen und und und... Ein Mittagessen braucht eine dann nicht mehr!). Hier ließe es sich auch länger als 2 Nächte gut aushalten. 

Mit der Deutschen Bahn fuhren wir weiter, nachdem wir unser Fahrzeug am Alleen gesäumten Kanal an einen Baum gesetzt hatten. Aber das ist eine andere (fiktive) Geschichte. 



(Wenn Sie nach Hamburg kommen, schauen Sie doch einmal nach, ob es noch dort steht.) Der Intercity war überbucht, Urlauber mit kleinen Kindern, Rucksacktouristen und Rentnerinnen drängten sich in den Gängen, mein Menschenüberdruss wurde gedämpft, denn trotz der Enge verhielten sich fast alle hilfsbereit, freundlich und nahmen es mit Humor. Ab Schwerin wurde es leerer, Stralsund und dann schon: die See, blautürkis schimmernd wie in allen Träumen. Von meinem Balkon aus kann ich sie sehen und rauschen hören, während ich schreibe. Und nun.. muss ich hinaus, hinein!




Mittwoch, 29. Juli 2015

BILDER-KÄMPFE (Druckgrafik von William Hogarth im Städel/Frankfurt)

Das Frankfurter Städel verfügt über eine umfangreiche Sammlung des druckgraphischen Werkes von William Hogarth, die gegenwärtig in einer Ausstellung unter dem Titel "Laster des Lebens" zu sehen ist (noch bis zum 6. September). Als ich gestern diese Ausstellung mit Claudia Kilian besuchte, konnte ich mich gut an die Nachmittage im Keller des Städels  vor beinahe 20 Jahren erinnern, an denen ich mich mit der Lupe über dieselben Blätter gebeugt  und Notizen in meine dünnen Hefte eingetragen hatte. Es waren damals auch kleine Fluchten der jungen Mutter, kostbare, seltene Stunden, die nicht der Pflege, Sorge, Betreuung von zwei kleinen Jungs geschuldet waren. (Babysitting ließ sich nur finanzieren, weil meine Dissertation durch die Vermittlung Christa Bürgers mit einem Stipendium gefördert wurde.) Auch heute noch verstehe ich beim Anschauen von Hogarth´ Bildern unmittelbar, warum ich über sie schreiben wollte, denn ich las und sah in seinem Werk jene Verhältnisse, Widersprüche und Brüche wirken, die mich beschäftigten: Werk und Ware, Kunst und Handwerk, Identität und Repräsentation, Öffentlichkeit und Privatheit und  - zuletzt, zunehmend -  auch, wie sich diese Verhältnisse ausdrückten in und über das Geschlechterverhältnis. Ich habe hier im Blog verschiedentlich (redigierte und z.T. auch erheblich umgeschriebene) Auszüge aus meiner damaligen Arbeit veröffentlich: z.B. zu Hogarth´ berühmter Serie "A Harlot´s Progress": "Die andere Maria" oder zu meinem "Lieblingsblatt" "Strolling Actresses Dressing in a Barn": "Die andere Diana".

Die Frankfurter Ausstellung beschränkt sich auf den Grafiker Hogarth´ und im Titel der Ausstellung deutet sie ihn als Moralisten und Propagandisten des aufstrebenden, arbeitsamen Bürgertums. Nichts daran ist falsch und doch verfehlt diese Interpretation und Darbietung damit aus meiner Sicht das Wesentliche an Hogarth´ Werk. Er hatte (und wusste darum) schon zu seinen Lebzeiten den Bilder-Kampf verloren, indem er sich und seine Kunstauffassung wähnte: gegen die Akademie, gegen die Dichotomie von hoher und niederer Kunst, gegen die Idee der "autonomen" Kunst. Hogarth hatte jenen kurzen historischen Zeitraum, in dem die Kunstproduktion sich aus der Auftragsarbeit für Höfe und Kirche befreite und bevor sie "autonom" wurde, zu nutzen versucht, um seine Kunstauffassung zu propagieren, die den Künstler als freien Unternehmer und sein Werk als Teil des öffentlichen Diskurses freier Bürger etablieren wollte. Am Ende seines Lebens musste er einsehen, dass andere sich mit anderen Auffassungen durchgesetzt hatten (mehr dazu: hier).


William Hogarth: The Battle of the Pictures (1745)

"The Battle of the Pictures" fertigte Hogarth als Eintrittsticket für eine Auktion seiner Gemälde. Die ´modern moral subjects´, die er gemalt hatte, kämpfen auf diesem Ticket mit den ´alten Meistern´(oder deren Fälschungen). Hogarth´ begriff seine Gemälde als "moderne Historiengemälde" (´comic history painting´ nannte sein Freund, der Romancier Fielding das Genre), die im künstlerischen Anspruch nicht hinter den älteren Historiendarstellung zurückzustehen hatten. Ihre Sujets waren jedoch nicht mehr die Geschichten der Heiligen und adeligen Helden, sondern die Kämpfe und Passionen der einfachen Menschen, denen der Maler in den Straßen Londons begegnete. 

Auf dem Ticket werden die Hogarth´schen Bilder von einer zahlenmäßig weit überlegenen Armee der ´dark pictures´ alter Meister in ihrem offenen Atelier angegriffen. Die Kampf-Paarungen, die Hogarth erfindet, sind nicht zufällig: ein Heiliger Franz zersticht Hogarth´ "Morning" aus der Serie "Four Times of the Day". Auf dieser Grafik geht eine alte Jungfer, der ein Diener das Gebetbuch nachträgt, an einem bitterkalten Morgen zur Kirche. Sie straft das ordinäre Leben, an dem sie vorbei stolziert, durch Ignoranz. Thema der beiden miteinander ringenden Bilder ist die Frömmigkeit, die Hogarth in der Gegenwart als Bigotterie geißelt. Über diesem "Paar" sticht eine bußfertige Magadalena in das Himmelbett der Hogarthschen Harlot, die gerade von einem Richter verhaftet wird. Buße, zeigt Hogarth hier, hilft vor dem bürgerlichen Gesetz - anders als es die christliche Tradition verheißt - nicht. Der Richter wird die Hure ins Arbeitshaus bringen. Hinter diesen beiden zerstört eine "Altobrandinische Hochzeit"  eine "Marriage-a-la-Mode"-Gemälde, auf dem nicht Götter sich lieben, sondern Gegenwartsmenschen einander betrügen. Ganz oben schlägt sich der Rake im Bordell mit einem Putto, der Pfeil und Bogen mit sich führt und im Eck des offenen Ateliers streiten die volltrunkenen Teilnehmer der "Modern Midnight Conversation" mit einem Baccantenzug. Gegen die mythischen Bilder und Geschichten, überwiegend aus der christlichen Tradition, läßt Hogarth seine modernen Sittenbilder antreten. Er führt seinem Publikum mit diesem programmatischen Ticket auf diese Weise auch sein künstlerisches Verfahren vor: In den "modern moral subjects" hatte er immer wieder die Ikonographie der alten Meister zitiert, um mit ihnen die Gegenwart auf ihren Sinn und umgekehrt durch die Abbildung der Realität die Tradition auf ihre Bedeutung hin zu befragen. 

Die einfachen stilistischen Mittel, die Hogarth für "The Battle of the Pictures" wählte, stellen den Zweckcharakter des Tickets aus und betten es in die Tradition der Pamphletliteratur und deren massenhafter Verbreitung ein. Zugleich erhob er aber gerade mit diesem Ticket den Anspruch, als ernstzunehmender Konkurrent der "alten Meister" anerkannt zu werden. Er zeigte, wie die Formulierung dieses Anspruchs ihn in einen Kulturkampf verwickelte, weil er ein völlig neues Kunstverständnis einforderte: eine Kunst, die nicht mehr aus der Tradition die eigene Autorität und den eigenen Wert herleitete, sondern aus der Fähigkeit, die Gegenwart in Bildern darzustellen und zu verstehen. 

Dieser Kampf ist in "The Battle of the Pictures" von 1745 noch nicht entschieden. Ronald Paulson hat darauf hingewiesen, dass Hogarth in diesem Blatt auch seine eigenen Gewalttätigkeit - als ihm von den Verhältnissen des Marktes aufgezwungene - darstellte: Im Bilde Europas, die schon auf dem Weg in Hogarth´ Atelier ist, erkennt Paulson "die Frau" als im Mittelpunkt dieses Kampfes Stehende. Wie Jupiter Europa "ihrer" Welt entriss, so versuche Hogarth die Betrachter/das Publikum den mythischen und christlichen Darstellungen zu entreißen, um sie in sein offenes und chaotisches Atelier zu entführen. "Die Frau" als Trophäe oder Ware im Mittelpunkt eines Geltungskampfes zwischen Männern ist ein gebräuchlicher Topos. Was Hogarth´ Darstellungen häufig von anderen unterscheidet, ist jedoch, dass er die Rolle des im Konkurrenzkampf gefangenen Mannes, seine eigene also, selbstkritisch wahrnahm und darstellte. Immer wieder gab er "der Frau" in seinen Bildern Gelegenheit, vom Objekt im Zentrum des Handelns zur Handelnden selbst zu werden (Mehr dazu: hier). 

Der Hogarth´sche Versuch einer Grenzüberschreitung zwischen "hoher" und "niederer" Kunst trieb im Laufe seines Schaffens unweigerlich auch immer schärfer ein Misstrauen in die Sprachfähigkeit bildender Kunst überhaupt hervor. Denn er musste erfahren, dass die Achtung, die er sich als Grafiker und Moralist erwarb, seinem Ansehen als Künstler schadete. Es waren nicht nur die Sujets seiner Gemälde: die Alltagsgeschichten, das Gassenleben, die Huren und Lehrlinge, die Häftlinge und Wärterinnen, denen die Anerkennung als "künstlerisch wertvoll" verweigert wurde. Es war vielmehr sein Festhalten an einer Idee von Kunst, die sich auf ein Gespräch einlässt, Partei ergreift, statt "Werke" zu setzen, die sein malerisches Werk in den Augen eines Publikums, das die Kunst zunehmend als "autonome" (und damit zunehmend und zuletzt beinahe ausschließlich als museale) goutieren wollte, herabsetzte. Die eigene Produktion als warenförmige zu begreifen, die eigene Identität als eine spielerisch erworbene und wandelbare, die eigene Endlichkeit als nicht durch das Werk zu überwindende zu verstehen, das hieß (und heißt?), den Kunstcharakter der Kunst in Frage zu stellen. Hogarth wusste das und litt darunter.

Die Frankfurter Ausstellung zeigt einen großen Ausschnitt aus seinem druckgraphischen Werk. Ihm gerecht werden könnte indes nur eine Ausstellung, die sein malerisches Werk  (z.B. hier und hier) damit konfrontiert. 

Samstag, 25. Juli 2015

ANKUNFT (6) / Wortschatz (19): (Sich) ANHEIMELN

dasz sie ietz und nicht anheimbs sei.


Um alle Heimligkeit wirkt etwas Unheimliches: Was uns anheimelt, umgibt uns mit jener sauer-süßen Aura, die den Duft des Todes schon ausstrahlt. Ich rieche es, wenn ich die Nase in meine vertrauten, ausgeknutschten und eingeschlafenen Kissen presse. Wo ich mich heimelig gemacht habe, ahne ich den Erstickungstod herbei. Inkonsequenz prägt mich auch hier: Ich schaffe emsig jene  Trautheit, in der ich anzukommen wünsche, aber doch nicht sterben will. So sesshaft bin ich und stetig, dass ich mich immer auf Trab halten muss. Ich habe als Anspruch an mich verinnerlicht, treu zu sein und verlässlich und möchte doch immerzu aus- und aufbrechen, lange bevor es mir heimisch genug wird.

Noch immer suche ich im neuen Heim des Nachts die Lichtschalter, die keine Routine blind schon findet. Hierhin begleitet haben mich Bilder, innere und äußere, die Wände zieren oder verunstalten oder gar nicht sichtbar werden, mich nur abbilden. Die Druck-„Hose“, gegen die das Audi rebelliert, ein Werk BenHuRums (aka Thomas Hartmanns)

Thomas Hartmann: Hose

aus den frühen 0er Jahren, hängt nun ebenso in der Küche, wie Tuborgs „Durstiger Mann“, der mich schon durch 4 Wohnungen und 25 Jahre lang begleitet.

Im Spiegel (14)

Über der goldgelben Chaiselongue hängt im Wohnzimmer neuerdings Charlotte Malcolm-Smith´ "Waiting Room", eine Mischung aus Skulptur-Gemälde-Installation:


Charlotte Malcolm-Smith: Waiting Room

Mein Hogarth-Ticket "Peeping at Nature" ist ergänzt worden um einen Original-Stich der "Strolling actresses dressing at a barn", die beide über dem kleinen Nähtischchen angebracht sind, das mein Großvater in den frühen 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts meiner nie gekannten leiblichen Großmutter als Verlobungsgeschenk angefertigt hat. Über dem Esstisch ist eine Fotogalerie, die – nur für Insider, also 2 – das "Paarleben" dokumentiert: Bahndamm/Gießen mit Pommes rotweiß (frühe 80er), der Turner-Blick auf Petworth Park (späte 80er), Bellini-Brunnen in Rom (2011, unser letzter gemeinsamer Urlaub mit den Kindern).

Neu-Anfang nach 17 Jahre. Ein Zimmer für mich allein. 



Es dünkt sich traulich. Es heimelt. Und stinkt zum Himmel. Wie immer zu Hause. Bin ich anheimgefallen der Sehnsucht danach, mich anheimisch zu machen. Was nie gelingen kann. Und dennoch werde ich´s anheimschen. Weil das Leben (nicht) dialektisch ist, (sondern) endlich.

Donnerstag, 16. Juli 2015

OXI - Wenn nichts mehr geht...


Schäuble sei eben, höre ich, ein Jurist. Die Einhaltung der Regeln ihm deswegen geradezu Herzensangelegenheit. Es ist bei dieser Einlassung, wohlgemerkt, von jenem Herrn die Rede, der im Köfferchen nach gutem Speisen in trauter Waffenhändlerrunde 100.000 DM in bar annahm, durchaus regelwidrig. Das ist allerdings nur, was wir wissen, weil es unter Druck gestanden wurde.  (WIR - plurales majestatis - erinnern uns hierbei unwillkürlich an die grausliche Szene aus Kafkas Brief an den Vater, in der der bei Tisch Nägel schneidende und Ohren putzende, schmuddelnde Vater dem Kinde Tischmanieren beibringen will. Die Welt, in der wir leben, ist, wissen wir schon lange, durchaus kafkaesk). Indes bewundern die meisten am meisten derartige Heuchler und Minderleister in Macht und/oder mit Geld. WIR dagegen wundern uns längst nicht mehr über die Mächtigen, desto mehr graut uns vor ihrem beifallklatschenden Sklavenvolk, das sich in den Kommentarspalten von spon und faz und vor den Asylbewerberunterkünften tummelt.) 

Freilich hat ein jeder und eine jede, auch der Herr Schäuble, nach vollzogenem Rechtsbruch und moralischem Versagen eine zweite, ja ich sage, gar dritte oder vierte Chance verdient (Die brauchen wir doch alle.) WIR können im Falle dieses seit Jahren resozialisierungsverweigernden Menschen allerdings keine Einsichtsfähigkeit erkennen. Der Herr erzählt mit Stolz von seinen Verbrechen: als "Architekt der deutschen Einheit". WIR erinnern uns - schaudernd - an die "Treuhand" (Orwell lässt grüßen. - Sowieso ist´s mir, als übertrumpfe die Phantastik der "powers to be" und ihrer symbolischen Ordnung jeden fiktiven Schein.) Selten trifft eine auf Menschen, deren Weltbild und -anschauung über Jahre so konsistent ist und bleibt, wie das des Herrn aus dem Badischen. Seine Koordinaten sind klar: Er richtet nicht nach Recht und Gesetz, sondern nach "für oder gegen Deutschland", wobei er mit dem Land eben jenes meint, das seines ist und meines niemals wurde, seit 1989 nicht mehr, nicht einmal mehr kritisch. Ich lebe hier nur. Mit andern. 

Schäubles Deutschland dagegen ist jenes von den hinter der CDU/CSU stehenden Kapitalinteressen (Spender, Spender!) und zutiefst konservativen, um nicht zu sagen reaktionären Wertvorstellungen ("christliche" Kernfamilie, abwesender erwerbstätiger, verantwortungsscheuer Vater, treu sorgende, faktisch alleinerziehende Mutter, homophob, nationalistisch, chauvinistisch) geprägte Land, das Fremde und Fremde bestenfalls (aber nicht um jeden Preis!) duldet und diese Duldung Toleranz nennt. Für die wohl verstandenen Interessen dieses Sch´land ist ein Rechtsbruch allemal gerechtfertigt. Denn das Recht hat dem Sch´land zu dienen.

Es verlohnt sich eigentlich nicht, dem Herrn Schäuble einen Blogpost zu widmen. Der Dreckarbeiter (nie mussten WIR so tief in die Kloake, obwohl WIR so manches Klo putzten) ist ja nicht allein und nicht mal besonders abstoßend. Er steht halt nur grade am Pranger und um so verdächtiger macht sich, wer mit der Masse auf ihn eindrischt. Wie also WIR hier. Und dennoch: Manche, nicht wenige sähen ihn gern als Kanzler und schreiben das auch, wo immer wir´s nicht lesen wollen. Das wird selbstverständlich nicht passieren, geschenkt. Steht aber für was: Für die Sehnsucht nach dem "harten Hund", der nicht nur hinter den Kulissen durchsetzt, was eben durchgesetzt werden muss (dazu hat auf ihrer Titelseite heute auch noch mal die gute, alte Tante "ZEIT" den Spaniern die Leviten gelesen: Links wählen und abkassieren...., geht nicht! Wählt was wir euch sagen - oder seht zu, wie wir a) euch die Luft abschnüren und b) die von euch Gewählten entweder zum Rücktritt zwingen oder vor euren Augen in unsere Marionetten verwandeln.) Es reicht halt manchem und mancher jetzt nicht mehr, dass die Politik der gigantischen Umverteilung von Unten nach Oben vollzogen wird, nein, man will das nicht länger heimlich tun müssen. 

Unser Kampf gilt nicht Schäuble. Ein Schäublexit hilft nix. Wir können auch nicht wählen. Nichts anderes. Eine deutsche Sozialdemokratie gibt es längst nicht mehr. Die Grünen trügen und tragen - mit eifrig inszenierten Bauchschmerzen - noch jedes Abkommen mit. Und wählten wir die LINKE, so erlebten wir eine Variante dessen, was wir erlebt haben (Ypsilanti, Tsipras...). Erinnern wir uns: Niemand im Europäischen Rat hat je grundsätzlich das Vertrauen in Urban verloren oder ekelte sich öffentlich vor Herrn Berlusconi.  Zum Beispiel. Man wird zur Not auch mit Madame Le Pen speisen. Das sind die Eliten, die uns regieren, und ihre Benimmregeln. Hinter ihnen stehen die, die sie beherrschen. 

Ich weiß keine bessere Welt. Und keine schlechtere. Es gibt keine Hoffnung, nutzen wir sie! Von unten: Kooperativen. Genossenschaften. Bedingungsloses Grundeinkommen. Versuchslabore gegen die Politik der Angst und des "Keine Experimente!"




Eine Wahrheit über mich (ganz ohne Majestät) ist allerdings, 
dass ich mich im Kampfmodus nicht leiden kann. Und daher Schlachten meide.