„Dranmor, Roman, Random, Rand, Mord,
Darm“ (Kriminalerzählung)
Dranmor
war das romantisierende Pseudonym eines Berner Dichters des 19. Jahrhunderts
mit dem seinerzeitigen Allerweltsnamen Ludwig Ferdinand Schmid, dessen anfangs
von manchen hochgeschätztes poetisches Werk (vielleicht nicht mal zu Unrecht)
mittlerweile dem Vergessen anheim gefallen ist. Um diesen Dranmor also geht es
angeblich in Hartmut Abenscheins „Dranmor“, einen Abenteurer und Dichter, der sich
den anhaftend-sumpfigen, melancholisch-verschnupften Aliasnamen zulegte und Texte
schrieb, die „nichts hergeben“, aber
ein interessantes Leben führte, aus dem sich doch „etwas Spannenes spinnen“ ließe, wie der Ich-Erzähler meint: „Eine Kriminalerzählung vielleicht, oder eine
todtraurige Liebesgeschichte, eine Erzählung eines allmählich werdenden
Wahnsinns.“
Denkt sich der Ich-Erzähler in Hartmut Abendscheins „Dranmor“
und arbeitet das Programm akribisch ab: Wer ist Dranmor? Warum taucht Roman gerade
jetzt auf? Ist das nicht doch alles „random“? Er bewegt sich weit an den Rand
(des Erzählens). Und: War Dranmors Tod am Ende doch ein Mord? Zuletzt
randaliert der Darm des Erzählers. Der Ich-Erzähler verwandelt sich zu Beginn
von „Dranmor“ in einen Detektiv auf den „heissen
Spuren“ Dranmors, Akten studierend, sich mit der „möglichen Urenkelin eines Biografen“ verabredend, die zudringlich
wird und den beziehungsgestörten Ermittler (wie eben alle klassischen Detektive
es sind) in die Flucht schlägt. Kindheitserleben wiederholt sich: Das Scheitern
des Ich-Erzählers als Yps-Heft-Leser-Detektiv beim Einsatz der Gimmicks. „Nein, man war kein guter Detektiv, aber man
hörte nicht auf, solche Dinge in kleine Hefte zu schreiben, die man immer
wieder bei Umzügen liest.“ Es gilt, was der Ich-Erzähler damals schon
erkannt hatte: „Ich beschliesse keine
weiteren kriminalistischen Spurensuchen zu veranstalten, in der Hoffnung auf
einen Skandal. ... Vielmehr sind auch diese Spuren zu erfinden. Man muss sie
selbst legen, um sie dann zu suchen und zu finden. Zu erhalten aber wäre die fast
kindliche Überzeugung.“
Roman und Ich (tragische
Liebesgeschichte)
So
geschieht es. Denn „Dranmor“, der „Romanversuch“ Hartmut Abendscheins, der kein
Roman ist, sondern bewusst daran scheitert, einer zu werden, beginnt mit der
Begegnung des Ich-Erzählers mit einem Jugendfreund, der
nicht zufällig Roman heißt. (Der) Roman ist die Nemesis des namenlos bleibenden
Erzählers. Roman kommt niemals in wörtlicher Rede zur Sprache. Im Konjunktiv
wird er eingeführt als Einrede gegen den Erzähler, dem er nachstellt: „Neulich habe er mich auf der Straße gesehen
und meine Adresse, meine Telefonnummer recheriert und nun dachte er sich, melde
ich mich einmal.“ Es ist etwas vorgefallen zwischen Ich-Erzähler und Roman
vor Jahren, was aber nicht erzählt, nur angedeutet wird: „Von unserem letzten Treffen habe er nur noch
ganz vage Erinnerungen, und immer noch das Gefühl, dass wir uns nicht ganz im
Guten verloren haben. Aber keinerlei Vorstellung mehr, wie er es nannte, was
damals wohl zwischen uns getreten war, und hoffe nun auch, dass wir das bei
einem Gespräch klären könne.“ Es wird nicht geklärt werden bei keinem Wein
und keinem Bier in Hartmut Abendscheins „Dranmor“, was Ich und Roman trennt,
aber es wird klar. Denn je mehr Leben Roman hat, der in Konkurrenz zum
Ich-Erzähler an einem Text über Dranmor arbeitet, desto weniger bleibt vom
Leben des Ich-Erzählers übrig. Roman und Ich-Erzähler sind erfolglose Autoren,
die in sonderbaren Büros diffusen Kulturarbeiten nachgehen. Für den Ich-Erzähler,
der die neuerliche Nähe zu Roman nicht gesucht, sondern dem sie aufgedrängt
wurde, wird Roman indes immer ungreifbarer.
Die Geschichte der Erzählers mit
Roman ist eine Männerfreundschaft als Simulation: „Wir konnten sehr gut Männerfreundschaftsgespräche simulieren, Dialoge
nachstellen, richtige Männer belauschen oder Jungs in unserem Alter in Kneipen,
die Männerfreundschaften diskutierten.(...) Unser Verhältnis zu uns und
anderen, zu allen Anderen: in diesen Momenten war es ein durch und durch
ironisches. Vielleicht hatten wir deswegen keine Männerfreundschaft, weil diese
nur ironisch sein konnte. Aber was wussten wir schon?“ Die Uneigentlichkeit
des ironisches Sprechens, die das Gespräch mit Roman, die Roman selbst
kennzeichnet, löst beim Ich-Erzähler zunehmend Misstrauen aus. Roman ist nicht
zu fassen, lässt sich am Telefon verleugnen, weicht Treffen aus, wird
schließlich vom Ich-Erzähler mit der Frau gesehen, für die beide sich vor
Jahren interessierten und stellt sie diesem schließlich als seine Verlobte vor.
Der Roman hat ein Leben. Der Ich-Erzähler muss sich übergeben.
Ich und Man (Erzählung eines allmählich
werdenden Wahnsinns)
Das
Leben ist (k)ein Roman. Daraus könnte man was machen. Aber nur unter einer
Bedingung: „´Wir´ ist das Wort, das wir
endlich wieder benötigen.“ Allerdings als eine Täuschung. Das Scheitern des
Textes über „Dranmor“, der ein Roman nicht unbedingt sein müsste und den
Hartmut Abendschein den Ich-Erzähler eben nicht schreiben lässt, ist das
Scheitern an der Konstitution dieses „Wir“. Wer sich in das „Wir“ täuschen
kann, beherrscht das Spiel. „Ich bin Lady
Margret. Für zwei Minuten und siebzehn Sekunden. Oder solange ich will.“
Doch dieses „Ich“ kann nicht „Wir“ (oder: ein Anderer) sein wollen. Es sagt: „man“. Es sagt über
sich selbst: „man“ und immer häufiger über die anderen. Schon die Buchführung
des Kindes, das der Ich-Erzähler gewesen ist, weist das Ich als defekt aus: „Ich habe genau Buch geführt, habe in vielen
Heften zwei Spalten angelegt, die eine dann gefüllt mit Dingen, die vollständig
und intakt waren, die wie selbstverständlich einen Ort hatten, über der anderen
stand ICH, ein paar Dinge darunter, halbe Sätze, Wörter, die falsch geschrieben
waren, selbstverständlich könne ich mich nicht mehr an sie erinnern. Das, hatte
man mir geraten, sollte ich in den ruhigen Minuten tun. Bilanzieren.“
Wo ich erwartet wird und wir werden sollte, bleibt man. Im „man“ steckt nicht nur, wie im
„er“ oder „sie“ der 3. Pers. Sg. eine Selbstdistanzierung. Im „man“ steckt die
Sehnsucht nach dem „wir“. Was ich
tut, täte man sowieso. Doch es ist
eine Distanzierung vom „Ich“ nicht um den Preis des Aufgehens und Eingehens in
eine (fiktive) Gemeinschaft, sondern ins allgemein Nirwana. Wer von „man“
redet, kann sich nicht sichtbar machen, sondern versteckt und verliert sich im
Unbestimmten, das allgemeingültig zu sein nur vorgibt. Wer „man“ sagt,
behauptet einen Zusammenhang, der nicht existiert. Wer von sich als „man“
sprechen muss, ist existentiell bedroht und wirkt ekelhaft verdruckst. Wer „man“ sagt,
schließt „ich“ aus: eine Form der Selbstdiskriminierung. Davon erzählt Abendscheins
„Dranmor“ (auch): der Erzählung eines allmählich werdenden Wahnsinns. Am Ende
wird der Ich-Erzähler nach Randlingen eingewiesen: „Was steht im Brötchen?“ Man bleibt ein Leser, auch wenn man nicht
mehr schreiben soll. So entkommt man sogar
zum Schluss. Vom „man“ über das „ich“ zum „wir“, nämlich: „Ein attraktiver Ort, wie man immer wieder versichert. (...) Und bald
gehe es dann vielleicht auch mal in den Park, in dem es sich so schön kreisen
lässt. Ich trete einen Schritt hinaus aus dem Hof. (...) Dann ist es Abend.Die
letzten Vögel singen ihre müden Lieder und die Bäume, der vollberauschte Mond,
ein paar halbe Sterne versuchen sich an einen Namen zu erinnern: Segle
nicht wieder fort,/Robin Adair!/Bleibe im sichern Port,/ Robin Adair;/Glücklich
werden wir sein/ Ja, dieses Herz ist dein:/ Laß es nicht mehr allein, /Robin
Adair!//. Zu spät denke ich, ich fühle
mich nicht mehr angesprochen. Uns zieht es zum Fenster hinaus und wir müssen
uns auf das Nötigste beschränken. Ich gehe also, wie man kam, am ersten Flügel
rechts und schliesse die Türe lautlos hinter mir.“
Umzonungen, Orte, Heimat : Pilz
Der
Ich-Erzähler verlässt am Ende Randlingen, die Irrenanstalt der Schweizer Künstler.
Es ist nicht das „Wir“ des poetischen Dranmors, das ihn anspricht, aber es
hilft ihm dieses lyrische „Wir“ sich - kurzzeitig - ein eigenes zu schaffen, das ihn hinaus
zieht. - Wohin? Hartmut Abendschein hat keinen Roman über Dranmor, den
Abenteurer und Dichter des 19. Jahrhunderts geschrieben, keine
Kriminalerzählung, keine tragische Liebesgeschichte, keine Erzählung über einen
allmählichen Wahn. Oder doch. Er hat vom Stoff erzählt, aus dem solche
Erzählungen entstehen. Aber aus diesem Stoff wird hier kein Roman: „Eine
Geschichte müsse irgendwo spielen. Die meine spielt im Kanton Bern in einer
Irrenanstalt. Was weiter? Man wird wohl noch Geschichten erzählen dürfen?, lese ich. Man sei hier in Randlingen, und
die Personen, die auftreten seien frei erfunden. Und dass dieser Roman kein
Schlüsselroman sei, unterstreicht man.“ Die Erzählung hat keinen Ort. Wenn
die Erzählung keinen Ort hat, kann die Geschichte nicht erzählt werden. Und davon
erzählt Hartmut Abendscheins „Dranmor“ (auch): Von der Vernichtung der Orte
durch „Umzonen“, von der Heimatlosigkeit des „Ich“-Erzählers, der sich ins
„man“ flüchtet und kein „wir“ findet. Das Motiv durchzieht „Dranmor“ von Anfang
an: „Ich bin einmal gefragt worden, wie
ich in diese Stadt gekommen war.“ Das muss vorsichtig umkreist werden.
Darauf gibt es keine Antwort mehr, denn: „Ich
spreche nicht mehr von Orten, die in meinem Leben eine besondere Bedeutung
spielen oder gespielt hatten. Jetz spreche ich vielleicht noch von Orten, aber
nur im übertragenen Sinne. Ich nenne sie manchmal Zonen, und meinen Bewegung in
diesen oder von einer zu einer anderen nenne ich Umzonung.(...) Eine Umzonung,
habe ich einmal gesagt, fände nur noch in mir statt, und eigentlich wäre es nur
ein anderer Begriff für Zeit.“ Wer die Orte umzont, fühlt sich von ihnen
angegriffen, in ihnen ausgeliefert. Die Wohnung wird unbewohnbar,
Ausweichquartiere nötig. Es wird immerzu geräumt, umgeräumt. Simulierte Bewegung
in der Bewegungslosigkeit, wie wenn man sich in der Zeit bewegt, aber am Ort
bleibt. Träume von einem „Waldleben“, Orte, die zuwuchern, stete Verkleinerung
des Lebensraums. Und die Sehnsucht nach Heimat: „Tucholskys Heimatbegriff bleibt, wo ich ihn hinbestimmt habe: unter
Tucholskys Begriff des Anderen und über die Rolle der Pseudonyme. Ende der
Diskussion. Wenn Heimat dort ist, wo man sich aufhängt, liest man weiter, aber
Heimat immer auch woanders sein kann und Heimat immer das Andere ist – was
bleibt dann übrig von Heimat? Nebenbei: Suizid wird damit grundsätzlich
erschwert.“ Das stimmt. Eine Geschichte muss irgendwo spielen. Der
Ich-Erzähler hängt sich nicht auf. Es gibt keinen Ort, der Heimat ist. Und
keinen Spielraum für einen Roman des Erzählers über Dranmor. Nur die Zeit, über
die hinweg sich Pilze in Räumen ausbreiten: „Der
Pilz breitete sich unaufhaltsam aus und kennt keine Schonung. Fast täglich kann
er Raumgewinn vermelden. Der Pilz ist böse. Ein dunkler, atmender Schwamm, der
allem Leben die Luft nimmt: und damit die Möglichkeit, Kaiser Maximilian zu
verstehen, wie die Trauer, die sein Tod erzeugt.“
Das
Leben im (Nicht-)Roman, der keine Heimat ist und sein kann, aber den Suizid erschwert,
ist ein Leben, in dem es um das Verstehenwollen geht, darum, die Trauer zu
verstehen über das ungelebte Leben, das kein Roman ist. „Dichtkunst ist eine lange Liebe.“ (Dranmor zitiert Jean Paul). Wie kein Roman entsteht, das kann auch eine Aussage über die „Bedingungen der Möglichkeit des Anstandes“ im
Un-Raum fiktionaler Täuschungen sein. Sie sind schlecht, offenbar, aber nicht
ausweglos: „Nächste Abfahrt ist in acht
Minuten.“
„Dranmor“
von Hartmut Abendschein ist kein Roman. Dies ist keine Interpretation. Ein
Versuch über die Bedingungen der Möglichkeit des Lesens von keinen Romanen. „Man darf ja alles missverstehen; heutzutage.
Man kann ja auch alles verstehen, wenn man nur will, und sich stur stellen und
sagen: so sei es aber. Irgendwann ist es dann so. Irgendwann, wenn nur
hartnäckig genug daran geglaubt würde.“
Da
muss man halt selbst lesen.