Samstag, 25. Mai 2013

LANGENTRUDE (random)

Als ich aufwachte, dachte ich Langentrude. Handelt es sich bei Langentrude um einen Ort? Oder um eine Trude, möglicherweise eine großbewachsene Frau (Ich stehe auf große, schlanke, fast ein wenig hagere Frauen mit kantigen Gesichtern und starken Nasen, sowieso.) Doch das mittig gelegene "n" in der Langentrude spricht dagegen. Es ist etwas mit ihr, das in mir rumort, nicht loslässt, auch nicht nach der Yoga-Session, nicht während ich im Bad untertauche, den Bauch eincreme, die Hände betrachte. Es summt Langentrude in mir und trommelwirbelt dazu. DIE. Ich suggeriere mir über Langentrude jene Frau herbei, die mich in einem Augenblick, mit einem Zähneblitzen unterwarf. Aber sie ist es nicht. War es nicht und wurde es nicht.  DIE trägt in meinen Vorstellungen immer ROT. Heilmann kannte sie auch. Dachte ich. Aber dann wandte er sich ab. Ein Taxi, das der Teufel bestellt hat, fährt Heilmann zum Hafen. Wartet die Melusine noch in der Koje, in der er sie einschloss, auf ihn? Wie ausgetrocknet wird sie sein? Sind es ihre Blutstropfen auf seinem hellen Anzugrevers oder die von Almuth/Edith, die einmal war, aber lange schon im Grab vermodert (Das ist gelogen. Ihr Leichnam wurde selbstverständlich verbrannt.) Wie kam ich darauf? Langentrude. DIE und Almuth/Edith. Eine Ähnlichkeit, die mir nie zuvor aufgefallen ist. Der lange Hals, die dunklen Haare, die hohen Wangenknochen, die Schlangenhaut auf den Augenlidern. (Hatte ich mich widerwillig in die Todfeindin verliebt? Daran war gar nicht zu denken.) Diese Assoziationsketten führen zu nichts. Dennoch die Scheu den Namen einfach bei einer Suchmaschine einzugeben: Langentrude. Ich überlasse das Ihnen. Ich trudele, schon länger. Da liegt der Zusammenhang. Ein Teil von mir hat sich hier verabschiedet. Ein anderer sitzt mit Heilmann im Taxi, erstarrt. Aussteigen. (Wir haben uns endgültig vom Teufel verabschiedet, schon vergessen?) Der Weg über die Gangway. Ich fürchte mich vor dem, was sich im Bauch des Schiffes verbirgt. Dazu die Trommelwirbel: TRAIN SPACE. Der Dunkle Tom schreibt sich in mir fort, obwohl ich mich immer weiter von ihm entferne. Er hat sich in mich eingenistet, sein Gift sickert durch meine Zellen. 

Ich will mich aus Gründen heute nicht verstehen. Langentrude

Mittwoch, 22. Mai 2013

Der Karnevalskostümvertreter

Mir träumte, ein Karnevalskostümsvertreter habe mich in den Fängen. Seinem Gejammer über den Verfall seiner Branche konnte ich mich nicht entziehen, denn ich war unbeweglich auf jenem Stuhl in der Kneipe festgefroren, dem gegenüber er sich niedergelassen hatte. Form und Mimik seines Gesichtes entgleiten mir, so oft ich sie mir ins Gedächtnis zu rufen versuche. Nicht einmal eine Ähnlichkeit mit irgendjemand mir bekanntem deutet sich an. Die ganze Figur wirkte seltsam verschwommen, während ich ihrer Litanei widerwillig lauschte. Schließlich erzählte er mir (Bin ich sicher, dass er zu mir sprach?), Reaktionäre und Traditionalisten verweigerten sich erfolgreich dem innovativen neuen Vertriebsweg, den er ersonnen habe. Leider verliert sich hier dann auch seine Stimme. Ich weiß nicht mehr, wie genau der Vertriebsweg aussah, mit dessen Hilfe er noch mehr und noch häufiger Karnevalskostüme an die Männer und Frauen bringen wollte.

Den ganzen Tag über musste ich ein hysterisches Kichern unterdrücken, sobald mir der Karnevalskostümvertreter in den Sinn kam.



Dienstag, 21. Mai 2013

KYRENAISCHE ANTIPODEN: Materialkunde und Werk-Gewese


Ein Beitrag von BenHuRum

(Oh ja, sie zierte sich, Prof. Dr. Martina Holzschlag, und konnte nur schwer eingestehen, dass sie zu weit gegangen war in der Art und Weise, in der sie gegen Dr. Dora Imgrunde nicht nur polemisiert, sondern diese aus der Gemeinschaft der Gelehrten für alle Zeiten hatte ausschließen wollen mit den unberechtigten Verweis auf  deren "Öko-Feminismus", den wir in den Schriften Dr. Imgrundes an keiner Stelle finden können. Prof. Holzschlag verstieg sich gar dahin, gegen Dr. Imgrunde und "ihresgleichen" einen "Kampf führen" zu wollen, in dem sie sich durch "keinerlei humanistische Beschränkungen" wolle bremsen lassen. Doch zuletzt lenkte sie - deren tiefe persönliche Kränkung wir nur erahnen können - doch ein. Der hier vorliegende Text ist um alle Passagen gekürzt, die sich auf Dr. Imgrunde bezogen. Eine Vermittlung, gar Versöhnung zwischen beiden hochgeschätzten Frauen indes konnten wir nicht herbeiführen und hoffen auch nicht mehr darauf.)


WERK UND GEWESE

von Prof. Dr. Martina Holzschlag aus Aftersteg

Wir fragen mit Blick auf das Werk die Wahrheitsfrage und keine andere. Dem was dabei  in Frage steht, stellen wir uns als Vertraute, doch bloß, indem wir das Geschehnis der Wahrheit im Werke erneut uns sichtbar machen. Denn es ist nicht, was zu sehen ist, sondern allein, was sich uns vor-stellt. Die Vor-Stelligkeit des Werks in Gestalt der schönen Kyrenaikerin bringt die Weihe an, die werkhaftige Erstellung des Heiligen als Heiliges. Worin besteht nun also das Werksein des Werkes? Woran erkennen wir, was heilig ist und was unheilig? Ob Kuh oder Schwein? Antipodin oder Kyrenaikerin? Würde und Glanz selbst der silbern schimmernden Weibsfigur sind nicht Eigenschaften, neben und hinter denen das Göttliche er-steht. Sondern: Im Abglanz dieses Glanzes glänzt, d.h. lichtet sich jenes, was wir die Welt nur nannten. Er-richten sagt: Öffnen das Rechte im Sinne des entlang weisenden Maßes, als welches das Wesenhafte die Weisungen gibt. Warum aber ist die Aufstellung des Werkes eine weihend-rühmende Errichtung? Nur weil die Kyrenaikerin kniet, stellt sich das Werk auf. In-sich-aufragend eröffnet das Werk die Weiblichkeit und hält diese im waltenden Verbleib.

Konzentrieren Sie sich auf Ihre Nasenspitze.

Sonntag, 19. Mai 2013

DER AUFZEIGER (oder: Alt gewordene Allmachtsphantasten)

Jede kennt sie aus der Schule und die meisten waren selber mal welche, in der Grundschule: Aufzeiger. Die, die sich immer melden. "Hallo da! Ich weiß was! Ich kann das!" Ein glückliches Kind lebt viel in seinen Allmachtsphantasien, freut sich über alles, was es schon kann und bildet sich ein, auch alles andere zu können, wenn es nur wollte. "Wenn ich ein Seemann wär´...Wenn ich ´ne Ärztin wär´... Wenn ich eine feine Dame wär´... Wenn ich ein Pilot wär´...Wenn ich den Himalya besteigen tät´..." Alles ist möglich. Scheinbar. Spiel und Schein. Und dann: die Kollision mit der Realität. Oder dem, was andere dafür halten. Oder den Wahn-Vorstellungen und Allmachtsphantasien der anderen. 

Einer schrieb mir mal: "Ich wäre sicher ein guter Vater geworden." Ein andermal sagte derselbe Mann von sich: "Ich könnte bestimmt gut lehren. Dafür habe ich ein Talent." Da ist etwas schief gegangen in der Entwicklung, vielleicht, höchstwahrscheinlich schon in der kindlichen. Denn was eine sofort versteht, wenn sie diese Sätze liest oder hört, ist doch: Der ist kein Vater, der ist kein Lehrer. Wäre er´s, eins von beiden oder beides, dann hätte er mehr Selbstzweifel. Wer Vater ist, ist sich nie ganz sicher, ob er es gut macht. Oder richtig. Versuche. Anstrengungen. Ausprobieren. Scheitern. Aushandeln. Noch mal probieren. Wer bin ich? Ein Vater, was viel heißen kann und nichts Bestimmtes, aber eben für einen, der einem Kind tatsächlich einer ist, auch nichts Beliebiges. Er ist nicht allgemein "Vater", sondern Vater dieses bestimmten Kindes, das nicht er ist und das seine eigenen Vorstellungen hat, auch über den Vater und das Gelingen seines Vater-Seins. Zum Beispiel. Der Aufzeiger dagegen glaubt immer: "Das kann ich auch", weil er die Widerstände (des Materials und der anderen) als Angriffe auf seine Person missversteht, die allein ihn daran hindern, wahr zu machen, was er könnte. 

Ein langer Prozess, ein Aushandlungsprozess, dem sich manche - wie oben der - phantastisch-altklug verweigern: Wer bin ich? Ich bin nicht, die alles kann. Was ich kann, kann ich so und so gut. Andere können manches besser als ich. Manches kann ich gar nicht. Vieles misslingt. Nicht alles kann ausprobiert werden. Weil ich Gitarre gelernt habe, hatte ich keine Zeit Klavier zu lernen. (Wo ich herkomme, hat niemand ein Klavier zu Hause gehabt.) Es geht so oder so aus: Manche sind arg gekränkt, wenn sie begreifen, dass andere sie ganz anders sehen, als sie sich selbst. Manche erfahren, dass das Bild, das die anderen von ihnen haben, auch ganz schön ist. Oder zumindest interessant. Und gleichen ab. Gleichen an. Polieren die Ecken. Lassen es mal auf eine Konfrontation ankommen. Lecken danach ihre Wunden. Finden eine Position. Wechseln sie wieder. Alles ist vorläufig und trotzdem nicht beliebig. Niemand kann aus seiner Haut. Nicht jede kann Opernsängerin werden. Ein Kind zeugen. Oder einen Nobelpreis für Physik gewinnen, Sparkassendirektorin werden oder Schlitzer. Die meisten könnten vielleicht morden. Unter Umständen Die allermeisten tun es nicht. Auch das ist nicht beliebig. Neurodermitis oder nicht? Lange Beine oder kurze? Dickes Kind, Brillenschlange, Linkshänder - das bleibt nicht ohne Folgen. 

Auch zum Lehren, Boote bauen, Pullover stricken, Kinder gebären gehört noch was anderes, als dass man es sich bloß vorstellt, es zu tun. Viel Anderes: Probieren. Versagen. Gegen die Wand knallen. Sich wieder aufrappeln. Aufgeben. Neu anfangen. Sich anders aufstellen. Wer was macht, stößt auf Widerstände, die nicht der eigenen Imagination entspringen. Jede sehnt sich gelegentlich zurück in eine Welt, in der die eigenen Selbstbilder und Phantasien der Maßstab für ALLES sind. Alt gewordene Aufzeiger sind Kinder, die nicht erwachsen geworden sind. Peter Pans mit schütterem Haar, tiefen Falten, herabgesunkenen Mundwinkeln. Tragisch-komische Figuren. Und immer sehr enttäuscht - von der Welt und den Anderen, selbstverständlich. 

Vieles ist möglich. Alles kann man sich nur einbilden. 

Ein Bild, auf der Leinwand realisiert, stellt sich den Blicken der Anderen, deren Kritik, deren anderem Sehen. Eine fiktive Figur, aufgeschrieben und veröffentlicht, wird anders gelesen, als der Verfasser es sich vorgestellt haben mag. 

Phantasie ist mächtig. Aber eben nicht: ALL-mächtig. Nicht mal in ihrem eigenen Reich. Wenn wir zum Mars fliegen, fliegen wir eben nicht zur Venus. 

(Ich habe Peter Pan nie gemocht. - Die Figur, meine ich, nicht das Stück. - Captain Hook hatte meine Sympathie. Immer schon.)

Freitag, 17. Mai 2013

Gute Literatur ist keine Mangelware!

Diese Wahrheit tut den Autoren (Autorinnen eher seltener, meiner und Thomas Meineckes - "Hat sich eigentlich jemals eine Frau als Genie bezeichnet?"- Beobachtung nach) offensichtlich weh. Manch einer glaubt, die Welt habe gerade sein Werk bitter nötig und weil er sich dieses so schwer schuftend abringe, schulde sie ihm auch nicht wenig, die Welt, mindestens also: Aufmerksamkeit, Presse, Einkommen, besser noch Huldigung, Preise, Bestseller.

Ich übertreibe.

Egal. Nur, Leute, seht´s halt ein: Niemandem fehlt was, wenn ihr für heute oder morgen oder die nächsten 10 Jahre nichts veröffentlicht, nichts schreibt, selbst wenn es Wunderwerke wären. Sie fehlen uns so wenig wie ungeborene Kinder. (Nur dass wir angeblich hierzulande einen Kindermangel haben.) Literarische Werke werden genug auf den Markt oder vor die Leserschaft geworfen, manche großartig, viele schlechte, kein Mangel, nirgends. Selbst die guten schafft eine nie und nimmer alle zu lesen. So trifft jede/r eine Auswahl. Manchmal, meistens willkürlich. Je mehr Autor_innen eine näher kennenlernt, desto weniger Lust hat eine oft, deren Werke zu lesen. Persönliche Sympathie und Antipathie spielt eine Rolle, weniger bei der Lektüre selbst als eben schon bei der Auswahl. Das wäre aber nur dann falsch und zu beklagen, wenn Mangel herrschte, an guter, an lesenswerter Literatur. Den aber gibt es eben nicht, schon gar nicht, wenn eine nicht nur und nicht mal hauptsächlich Gegenwartsliteratur liest. Außerdem wichtig bei der Auswahl: Empfehlungen von Freund_innen, prickelnde Titel und schön gestaltete Cover; negativ dagegen: sexistische Bilder auf dem Titelblatt, Empfehlungen durch von mir wenig geschätzte Leute, Ein-Wort-Titel, die keine Personen-Namen sind. Kaum eine Rolle bei meiner Auswahl spielen Empfehlungen oder Verrisse im Feuilleton der renommierten Zeitungen/Zeitschriften. Bei Sachbüchern traue ich dem Deutschlandfunk, manchmal; bei Bellestristik dagegen gar nicht.

Was ich gelesen habe, zuletzt? 

Sofja Tolstoja, Melanie Raabe, Hartmut Abendschein, Anousch Müller, Sara Gran, P. G. Wodehouse, Deborah Crombie, Barbara Pym, Adalbert Stifter, Minette Walters, Sybille Bedford, Katherine Mansfield, Sofi Oksanen, Jackie Kay.

Unterschiedlich in Qualität, Zeit, Form, Anspruch. Nur über zwei dieser Autor_innen habe ich hier im Blog geschrieben: Über Hartmut Abenscheins "Dranmor" und Barbara Pyms erste Schaffensphase.  Zu Barbara Pyms Gesamtwerk werde ich noch zwei weitere Posts veröffentlichen. Ich schreibe nur, um zu empfehlen. Wenn ich das nicht uneingeschränkt kann, schweige ich lieber. Ich lese auch keine Verrisse. Das interessiert mich nicht. Warum ich etwas nicht empfehlen kann, hat unterschiedliche Gründe. Die meisten liegen bei mir, in meinen Möglichkeiten und Grenzen (die ich freilich, auch lesend, auszudehnen versuche). Wie auch die Auswahl selbst schon meine und damit subjektiv ist. Ein Selbstbildnis gewissermaßen, schrieb ich mal anderswo. 

Leser_innen schulden Autor_innen nichts, finde ich (außer dem Kaufpreis). Keine Anerkennung, kein Lob, keine Huldigung. Wer es bekommt, kann sich freuen. Es ist kein Verdienst; es ist ein Geschenk. Wie umgekehrt eine fesselnde Erzählung, ein faszinierender "Sound", ein berauschender Bilderreigen ein Geschenk an den Leser, die Leserin ist. Unverdient. Und unbezahlbar. 



Mittwoch, 15. Mai 2013

"Blut musste fließen." (EIN MUTTER-TAG)






Blut musste fließen. Heilmann wusste, dass es notwendig war. Woher wusste er das? Hatte der Teufel es ihm gesagt, damals am Tresen in Berlin oder in dem Café in Rom? All die Jahre, die flüchtigen Begegnungen, die Andeutungen, das Raunen der heiligen Texte, die Bedeutungsschwere, mit denen sie aufgesagt wurden, von diesen und jenen, meist waren es Männer gewesen, traurige Männer, unbeweibt, gedrückt, unerkannt, verachtet oder lächerliche Poser, die mit ihren Eroberungen angaben, sich in den Schritt fassten und von „guten Ficks“ prallten. Er hatte das ganze Konzept so über, dass ihm die Galle hochkam. Die Opfer, die schönen Leichen, das pralle, blaße Gewebe, die grünliche Entsagung, die holden Locken auf die spitzen Brüste drapiert, die düsteren Hintergründe, das schwarze Loch. Woher wir kommen, wohin wir gehen. Es war alles Unsinn. Er sehnte sich nur nach der Endlichkeit. Deshalb stand er hier. Deshalb war er bereit, den Körper der Frau aufzuschlitzen, die er geliebt und mit der er den Sohn gezeugt hatte. Aber wie können Flüsse und Berge und das Meer unwirklich sein, hatte sie ihn gefragt. Wie ein Kind. Das alte Kind, das sein Sohn geworden war aber, zerstört von der Krankheit, die seine Eingeweide zerfrass. Heilmann schaute an sich hinab: Ich bin dein Leib, dachte er. Er war der, der durch die Zeiten wandelte, leichtfüßig, sorglos, charmant. Der die Wasserfrau aus dem Fluss barg und das Drachenweib auffing, der ihren feurigen Atem kühlte und ihre blutigen Füße verband, der ihre Tränen trocknete, wenn sie ihre Brut verlor, wenn sie verraten wurde und aus dem Nest geworfen, wie es immer geschah und wieder und wieder, weil sie liebte und gebar. Nie durfte sie einem ihrer Söhne wieder begegnen in anderen Zeiten. Das war sein Auftrag, den erfüllte er gut. Bis Almuth kam. Almuth, die einmal ganz anders geheißen hatte.  Edith. Deren Augen grün waren oder blau oder braun.

Almuth war nicht Melusine. Almuth war die, die des Teufels war. Die Melusine war nicht gut, nicht böse; sie plätscherte im Wasser wie ein Fisch, der keine Erinnerung hat. Warum sollte sie traurig sein? Doch er hatte sie gesehen, hier und da, in Moskau, Unter den Linden, am stillen See in der Mark, im Zug nach Zürich, in den Tiefen des Indischen Ozeans, vor der Barrier von London. Sie wusste nichts und ahnte alles. Ihr Kommen und Gehen, seine Hand auf ihrem Arm: „Kommen Sie, Madam. Hier entlang.“ Warum fiel ihm das gerade jetzt ein? Er hatte Almuth geliebt. Er musste Almuth lieben. Alte weiße Hexe, Muttertier, hatte er sie genannt. Aber Melusine war eine Frau, die Mutter an seiner Seite durch alle Zeiten. „Darf ich Ihnen meine Frau vorstellen?“ Da war sie zusammengezuckt.

„Du musst es tun, Heilmann.“ Er schaute auf. Sie war jetzt ganz aufmerksam. Der Teufel war zur Statue erstarrt. Die Puppen stierten. Die Augen der Melusine waren weit aufgerissen. Ihr Mund stand offen. Wie dumm sie aussah, wenn sie auf Puppe machte. Er wollte lachen, wollte sie auslachen. Da bemerkte er, dass auch seine Glieder steif geworden waren. Er konnte den Kopf nicht bewegen, die Beine nicht, nicht den linken Arm. Nur die Hand um das Messer war warm. „Heilmann.“ Sie sprach mit offenen Mund, ohne die Lippen zu bewegen. Als komme die Stimme von einem Tonband aus ihrem Körper. „Schneid ihr die Augen auf.“ Heilmann versuchte seine Lider zu schließen, doch es gelang ihm nicht. Er schaute hinunter auf die Puppe, die aussah wie Almuth. Das Blut pulsierte an deren Schläfen. Das war kein Plastik mehr, das war der lebendige Leib, den er begehrt hatte. „Dein Sohn wird leben, wenn du die Mutter schlachtest.“ Das Weib war grausam, weil das Blut in seinen Adern grün war wie das Meer, sein Element. „Du lügst“, wollte er schreien, doch seine Zunge ließ sich nicht bewegen. Jetzt hätte er sich gern an den Teufel gewandt, doch der war zu einer Schaufensterpuppe für Übergrößen erkaltet. Der Teufel schwitzt nicht. Hatte er das nicht gefordert? Einen coolen Teufel? „Du kriegst immer, was du willst, Heilmann, nicht wahr? Nur ist es nie, wie du willst.“ Sie kicherte. Er fühlte den Hass wie eine warme Welle in sich aufsteigen. Er schloss die Finger fester um den stählernen Griff des Messers. Er konnte jetzt wieder seinen ganzen Körper spüren, von den Zehen bis zu den Fingerspitzen. Seine Kopfhaut juckte. Es war heiß. Noch einmal schaute er zur Tribüne hin. Die Melusine war verschwunden. Nur der Eimer, in dem sie mit ihrer Flosse geplätschert hatte, stand noch da.

Der Teufel räusperte sich. Heilmann hob den rechten Arm. „Sie sollten nicht wahllos zustechen. Es geht um das Sehen. Sie darf ihren Sohn niemals sehen. Den Unsterblichen.“ Der Teufel kicherte wie die Melusine. „Schneiden Sie ihr die Goldaugen heraus. Das genügt.“ Almuth unter ihm auf der Barre räkelte sich. Sie schlug die Augen auf. Das Mädchen mit den Goldaugen. Heilmann zuckte. Jetzt. Er senkte das Messer und stieß zwischen Höhle und Jochbein. Almuth schrie. Ihre Hände fuhren in die Höhe. Sie führte seinen Arm, lenkte die Messerspitze unter den Augapfel und hob ihn an. Ein Ruck und er kullerte über die Barre zu Boden. Der Schrei verstummte. Der Teufel presste einen Knebel auf den Mund der wehrlosen Frau. „Das andere. Schnell.“ Heilmann schnitt. Er war ungeschickt. Aber ihm wurde geholfen. Das Auge war verloren. Er schloss die seinen. Die goldenen Augen purzelten über den grauen Beton.

Die vergoldete Kreatur zapppelt – und wirbelt –
Taumelt rasend zwischen Ästen hin und her –
Schlitzt ihre mächtigen Adern auf –
Und stürzt hinunter ins Meer. -

Heilmann hörte sie singen unter der Wasseroberfläche, wie er sie immer schon hatte singen hören. Er hatte ihr nur niemals zugehört. Als er seine Augen wieder öffnete, sah er in das augenlose Puppengesicht. Leere Höhlen. Über den Boden rollten die vergoldeten Plastikaugen. Er kickte sie mit dem Fuß zur Seite. Der Teufel klatschte einen schäbigen Beifall. „Na also.“ Er klopfte Heilmann auf die Schultern. „Kommen Sie. Das hat Jahrhunderte gedauert. Aber schließlich... Ich bin zufrieden.“ Er hörte sich an wie ein Therapeut, der mit einem sehr schwierigen Patienten verhandelte, winzige Veränderungen als gigantische Fortschritte anpreisend.

Du kannst mit mir anstellen, was du willst
Immer überlebe ich dich.

Die Puppenversammlung löste sich auf. Schöne, nackte Frauen stiegen die Tribünen hinunter, in angeregte Gespräche vertieft. Auf Heilmanns hellem Anzug waren zwischen dem ersten und dem zweiten Knopf zwei winzige Bluttropfen hängengeblieben. Kaum zu sehen. „Das wird man nicht bemerken.“, flüsterte der Teufel wie ein Verschwörer. Heilmann ekelte sich. „Mein Sohn?“ „Sie werden sehen.“ Der Teufel schien sich zu amüsieren. „Es wird anders sein, als sie erwarten. Aber ich halte meine Versprechen. Doch nun kommen Sie. Sie müssen hier weg, bevor...“ Der Teufel unterbrach sich. Das ging Heilmann nichts an. „Die Mutter wartet auf sie.“ „Almuth.“  Der Teufel schüttelte den Kopf. „Sie haben sie unter Deck eingeschlossen. Haben Sie das schon vergessen?“ Sie schritten eilig nebeneinander durch die Hallen. Im Hof wartete ein Taxi auf Heilmann. Der Teufel schob ihn geradezu hinein. „Zum Hafen.“, rief er dem Taxifahrer zu und winkte. Heilmann lehnte sich im Fond zurück. Er drehte sich nicht um, als sich das Eingangstor hinter dem Wagen schloss. Er würde den Teufel nicht wiedersehen. Plötzlich kamen ihm die Tränen.

Die Mutter derweil unter den Wellen: Jeder Riss der Erde tut ihr weh. 

Verseucht

Diese Baustelle ist verseucht. Da lässt sich wohl kaum noch was restaurieren. Dem Schimmel kann man nicht mit weißer Tünche beikommen. Vielleicht werden wir das Gebiet absperren müssen. Oder noch schneller vorbeifahren. 

(Blog-Blues again. Diesmal ist es anders. Denn die Unlust kommt nicht von außen, sondern von innen. Wo jemand rein gelassen wurde, von dem sie ahnte, das er besser hätte draußen bleiben sollen. Wie am Anfang. Trennung und Abspaltung. Die sie überwinden wollte. Eine Fehlkalkulation.


Instinkten trauen. Könnte sie. Beinahe immer. Und traut sich doch nicht. Lernprozesse, die schmerzen. Ob anders nichts zu lernen ist? Das wird mir nicht noch einmal passieren.)

Dienstag, 14. Mai 2013

HOLZSCHLAG und die AFTERPROPHETEN



Ein Beitrag von BenHuRum


Werte Leserinnen und Leser von Gleisbauarbeiten!


An dieser Stelle sollte heute der von vielen von Ihnen ungeduldig, wie wir wissen, erwartete  zweite Beitrag von Frau Prof. Dr. Martina Holzschlag aus Aftersteg zur BenHuRum´schen Mini-Serie "Kyrenaische Antipoden" erscheinen. Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass der von Frau Professor Holzschlag eingesandte Beitrag den Standards, die wir auf "Gleisbauarbeiten" einzuhalten wünschen, leider nicht genügt. Keineswegs wollen wir in Abrede stellen, dass Frau Professor Holzschlag eine herausragende Kapazität auf dem Gebiete der Ästhetik des mobilen Zeugs, diesem immer bedeutender werdenden Zweige der Allgemeinen Ästhetik, ist und auch nicht, dass das Werk des BenHurRum in seiner offensichtlichen Unbeständigkeit der - unverdienten - Rettung durch jene spezifische Ästhetik, die das Ab - Wesende der Kunstwerke gleichsam noch vor seiner Verwesung in der kühlenden Höhle der Philosophie birgt, mehr als je bedarf. Doch wollte Frau Prof. Dr. Holzschlag nicht darauf verzichten, in ihrem für heute avisierten Beitrag einige kaum verbrämten Invektiven gegen ihre von uns überaus verehrte Vorgängerin, Frau Dr. Dora Imgrunde, die uns auf unvergessliche Weise die Blitzgescheiten Busenwunder des BenHuRum nahe brachte, loszulassen. 

Zwar, so schrieb Frau Dr. Holzschlag uns in der begleitenden Mail, seien Frau Dr. Imgrunde und sie sich in einem einig, nämlich "in der lustvollen Bejahung des unaufhaltsamen, tiefen Sturzes der Metaphysik, deren Stöhnen beim Fall in den Orkus wir mit einem schauerlichen Lachen begleiten", jedoch mache sie sich anheischig, das *** (wir möchten auf die Wiedergabe dieses Wortes verzichten) der "Frau Doktor aus dem öden Wald" auf eine Weise bloßzustellen, durch welche diese irreversibel aus dem Betriebe der Wissenschaft *** (das hier  in der Mail verwendete Wort weckt im Kontext der philosophischen Schule, der Frau Prof. Dr. Holzschlag entwachsen ist, äußerst unangenehme Assoziationen) werde. (...)

Wir wissen nicht, ahnen bloß, was Frau Prof. Dr. Holzschlag zu diesen Ausfällen trieb. Die Gründe, dessen sind wir indes gewiss, liegen nicht in der Sache, sondern in den Personen und ihrer Beziehung zueinander. Wir hörten von einer unangenehm verlaufenen Begegnung der beiden Wissenschaftlerinnen auf dem Kongress in Toronto, den Frau Dr. Imgrunde mitorganisierte. Jedoch wollen wir hierüber nicht weiter spekulieren. 

So gingen denn heute die Mails hin und her. Wir baten Frau Prof. Dr. Holzschlag die Sätze, die auf Dr. Imgrunde zielten, aus ihrem Beitrag entfernen zu dürfen. Sie bezichtigte uns der Zensur. Wir versuchten unseren Standpunkt zu erläutern, dass Beiträgerinnen und Kommentatorinnen auf Gleisbauarbeiten zwar durchaus unterschiedliche Positionen einnehmen und diese kontrovers diskutieren könnten, wie uns jedoch persönlich beleidigende Aussagen oder gar Drohungen verbitten. Sie blieb bis zur Stunde uneinsichtig. Wir müssen annehmen, dass in Toronto (oder schon vorher?) eine schmerzliche Kränkung stattfand, für die Frau Dr. Holzschlag nun meint, sich eine Vergeltung schuldig zu sein. Doch wollen wir "Gleisbauarbeiten" nicht zum Forum solcher Auseinandersetzungen machen. Wir haben im Laufe des Tages auch versucht, Frau Dr. Imgrunde zu erreichen, die vielleicht zu einer Klärung beitragen könnte. Dies ist uns bisher nicht gelungen. Wir hegen dennoch die Hoffnung, dass Frau Prof. Holzschlag, auf deren ästhetische Spürung des Kyrenaischen im Werk des BenHuRum wir gleich Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, uns gefreut haben, in der kommenden Woche bereit ist, ihren Beitrag in einer angemessenen Version freizugeben, zumal er - von den Passagen, die sich auf Dr. Imgrunde beziehen, abgesehen - tiefe Einsicht in das BenHuRumsche Wirken und seine Wirkung  offenbart. 

Montag, 13. Mai 2013

BESSERUNGEN (Random Diary)

Früher sagte meine Mutter zum Abschied immer: "Besser dich." Sie sagt das nicht mehr. Bin ich jetzt gut genug oder hat sie ihre Ansprüche an mich gesenkt? Das klingt bitterer als es gemeint ist. Meine Mutter hat auch immer gelacht, wenn sie das gesagt hat. Und ich habe geantwortet: "Du auch." Zum Muttertag will sie keine Blumen. (Sie nahm den weißen Strauß  dann doch mit heim. Sie ziert sich auch nicht mehr so wie früher. Sie freut sich über Geschenke und lässt mir die Freude, ihr welche zu machen. Auch das hat sich gebessert.) Wir unternahmen einen Weiberausflug zu einem Gartenfest, probierten Hüte auf, testeten Gewürzmischungen, schlenderten durch Gartenzwerg-Ausstellungen und kauften ihr eine Perlmuttkette. Es ist etwas gut geworden zwischen uns, was nicht mehr besser werden kann und muss. Es gilt das zu genießen: ein unverdientes Glück. Das Glück ist eh´ kein Verdienst. Es zu haben ist aber auch kein Verbrechen, selbst wenn manche einem das einreden wollen. Es zuzulassen, wenn es kommt, das ist die Kunst.

Noch was hat sich gebessert. Früher wurde hier ja immer nur nach Rüden, die onanieren gesucht. Oder hauptsächlich. Aber inzwischen sind die Suchanfragen doch ein bisschen anspruchsvoller oder - aus einer anderen Perspektive, nämlich meiner - erfreulicher. Noch immer verschlägt es jeden Tag Menschen auf "Gleisbauarbeiten", die sich für das Wohlbefinden ihres Hundes weit über das übliche Maß (?) hinaus zu interessieren scheinen. Auch Cunnilungus ist immer noch täglich unter den "Treffern". Das Internet wird offenbar  überdurchschnittlich viel von Menschen genutzt, die sich für praktische Ratschläge auf dem Gebiet der Sexualität interessieren. Ich hatte immer schon ein etwas schlechtes Gewissen, weil diese Wissbegierigen auf "Gleisbauarbeiten" nicht die Gebrauchsanweisungen finden können, nach denen sie suchen. Deshalb freut es mich, dass die aktuelle Hitliste der Suchbegriffe wesentlich besser zum Profil der Seite passt:

1. Heiliger Geist
2. Irmgard Keun
3. Busenwunder
4. Schönheitslinie Hogarth
5. Kluge Eigensinn
6. Eros Barock
7. Made in Heaven
8. Statue nackter Mann
9. Repräsentation Foucault
10. Sade Horkheimer Adorno 

Ich vertiefe mich derweil in die Presseerklärungen des Amtsgerichts, die mir ein Verwandter zugesteckt hat und die "Stoff" genug für eine Roman-Serie bieten. Außerdem habe ich beim Ausräumen eines Regals zwei dicke Kladden gefunden, in die ich in jener Zeit Eintragungen gemacht habe, in der das "politische Tier" mich parasitär befallen hatte. "Stoff" für den Sabinen-Roman. "Noch und nöcher". Wie meine Mutter immer sagt.  

Samstag, 11. Mai 2013

"Wir sind flexibel" (Zu Hartmut Abenscheins: DRANMOR)



„Dranmor, Roman, Random, Rand, Mord, Darm“ (Kriminalerzählung)

Dranmor war das romantisierende Pseudonym eines Berner Dichters des 19. Jahrhunderts mit dem seinerzeitigen Allerweltsnamen Ludwig Ferdinand Schmid, dessen anfangs von manchen hochgeschätztes poetisches Werk (vielleicht nicht mal zu Unrecht) mittlerweile dem Vergessen anheim gefallen ist. Um diesen Dranmor also geht es angeblich in Hartmut Abenscheins „Dranmor“, einen Abenteurer und Dichter, der sich den anhaftend-sumpfigen, melancholisch-verschnupften Aliasnamen zulegte und Texte schrieb, die „nichts hergeben“, aber ein interessantes Leben führte, aus dem sich doch „etwas Spannenes spinnen“ ließe, wie der Ich-Erzähler meint: „Eine Kriminalerzählung vielleicht, oder eine todtraurige Liebesgeschichte, eine Erzählung eines allmählich werdenden Wahnsinns.“ 
Denkt sich der Ich-Erzähler in Hartmut Abendscheins „Dranmor“ und arbeitet das Programm akribisch ab: Wer ist Dranmor? Warum taucht Roman gerade jetzt auf? Ist das nicht doch alles „random“? Er bewegt sich weit an den Rand (des Erzählens). Und: War Dranmors Tod am Ende doch ein Mord? Zuletzt randaliert der Darm des Erzählers. Der Ich-Erzähler verwandelt sich zu Beginn von „Dranmor“ in einen Detektiv auf den „heissen Spuren“ Dranmors, Akten studierend, sich mit der „möglichen Urenkelin eines Biografen“ verabredend, die zudringlich wird und den beziehungsgestörten Ermittler (wie eben alle klassischen Detektive es sind) in die Flucht schlägt. Kindheitserleben wiederholt sich: Das Scheitern des Ich-Erzählers als Yps-Heft-Leser-Detektiv beim Einsatz der Gimmicks. „Nein, man war kein guter Detektiv, aber man hörte nicht auf, solche Dinge in kleine Hefte zu schreiben, die man immer wieder bei Umzügen liest.“ Es gilt, was der Ich-Erzähler damals schon erkannt hatte: „Ich beschliesse keine weiteren kriminalistischen Spurensuchen zu veranstalten, in der Hoffnung auf einen Skandal. ... Vielmehr sind auch diese Spuren zu erfinden. Man muss sie selbst legen, um sie dann zu suchen und zu finden. Zu erhalten aber wäre die fast kindliche Überzeugung.


Roman und Ich (tragische Liebesgeschichte)

So geschieht es. Denn „Dranmor“, der „Romanversuch“ Hartmut Abendscheins, der kein Roman ist, sondern bewusst daran scheitert, einer zu werden, beginnt mit der Begegnung des Ich-Erzählers mit einem Jugendfreund, der nicht zufällig Roman heißt. (Der) Roman ist die Nemesis des namenlos bleibenden Erzählers. Roman kommt niemals in wörtlicher Rede zur Sprache. Im Konjunktiv wird er eingeführt als Einrede gegen den Erzähler, dem er nachstellt: „Neulich habe er mich auf der Straße gesehen und meine Adresse, meine Telefonnummer recheriert und nun dachte er sich, melde ich mich einmal.“ Es ist etwas vorgefallen zwischen Ich-Erzähler und Roman vor Jahren, was aber nicht erzählt, nur angedeutet wird: „Von unserem letzten Treffen habe er nur noch ganz vage Erinnerungen, und immer noch das Gefühl, dass wir uns nicht ganz im Guten verloren haben. Aber keinerlei Vorstellung mehr, wie er es nannte, was damals wohl zwischen uns getreten war, und hoffe nun auch, dass wir das bei einem Gespräch klären könne.“ Es wird nicht geklärt werden bei keinem Wein und keinem Bier in Hartmut Abendscheins „Dranmor“, was Ich und Roman trennt, aber es wird klar. Denn je mehr Leben Roman hat, der in Konkurrenz zum Ich-Erzähler an einem Text über Dranmor arbeitet, desto weniger bleibt vom Leben des Ich-Erzählers übrig. Roman und Ich-Erzähler sind erfolglose Autoren, die in sonderbaren Büros diffusen Kulturarbeiten nachgehen. Für den Ich-Erzähler, der die neuerliche Nähe zu Roman nicht gesucht, sondern dem sie aufgedrängt wurde, wird Roman indes immer ungreifbarer. 

Die Geschichte der Erzählers mit Roman ist eine Männerfreundschaft als Simulation: „Wir konnten sehr gut Männerfreundschaftsgespräche simulieren, Dialoge nachstellen, richtige Männer belauschen oder Jungs in unserem Alter in Kneipen, die Männerfreundschaften diskutierten.(...) Unser Verhältnis zu uns und anderen, zu allen Anderen: in diesen Momenten war es ein durch und durch ironisches. Vielleicht hatten wir deswegen keine Männerfreundschaft, weil diese nur ironisch sein konnte. Aber was wussten wir schon?“ Die Uneigentlichkeit des ironisches Sprechens, die das Gespräch mit Roman, die Roman selbst kennzeichnet, löst beim Ich-Erzähler zunehmend Misstrauen aus. Roman ist nicht zu fassen, lässt sich am Telefon verleugnen, weicht Treffen aus, wird schließlich vom Ich-Erzähler mit der Frau gesehen, für die beide sich vor Jahren interessierten und stellt sie diesem schließlich als seine Verlobte vor. Der Roman hat ein Leben. Der Ich-Erzähler muss sich übergeben.


Ich und Man (Erzählung eines allmählich werdenden Wahnsinns)

Das Leben ist (k)ein Roman. Daraus könnte man was machen. Aber nur unter einer Bedingung: „´Wir´ ist das Wort, das wir endlich wieder benötigen.“ Allerdings als eine Täuschung. Das Scheitern des Textes über „Dranmor“, der ein Roman nicht unbedingt sein müsste und den Hartmut Abendschein den Ich-Erzähler eben nicht schreiben lässt, ist das Scheitern an der Konstitution dieses „Wir“. Wer sich in das „Wir“ täuschen kann, beherrscht das Spiel. „Ich bin Lady Margret. Für zwei Minuten und siebzehn Sekunden. Oder solange ich will.“ Doch dieses „Ich“ kann nicht „Wir“  (oder: ein Anderer) sein wollen. Es sagt: „man“. Es sagt über sich selbst: „man“ und immer häufiger über die anderen. Schon die Buchführung des Kindes, das der Ich-Erzähler gewesen ist, weist das Ich als defekt aus: „Ich habe genau Buch geführt, habe in vielen Heften zwei Spalten angelegt, die eine dann gefüllt mit Dingen, die vollständig und intakt waren, die wie selbstverständlich einen Ort hatten, über der anderen stand ICH, ein paar Dinge darunter, halbe Sätze, Wörter, die falsch geschrieben waren, selbstverständlich könne ich mich nicht mehr an sie erinnern. Das, hatte man mir geraten, sollte ich in den ruhigen Minuten tun. Bilanzieren.“ 

Wo ich erwartet wird und wir werden sollte, bleibt man. Im „man“ steckt nicht nur, wie im „er“ oder „sie“ der 3. Pers. Sg. eine Selbstdistanzierung. Im „man“ steckt die Sehnsucht nach dem „wir“. Was ich tut, täte man sowieso. Doch es ist eine Distanzierung vom „Ich“ nicht um den Preis des Aufgehens und Eingehens in eine (fiktive) Gemeinschaft, sondern ins allgemein Nirwana. Wer von „man“ redet, kann sich nicht sichtbar machen, sondern versteckt und verliert sich im Unbestimmten, das allgemeingültig zu sein nur vorgibt. Wer „man“ sagt, behauptet einen Zusammenhang, der nicht existiert. Wer von sich als „man“ sprechen muss, ist existentiell bedroht und wirkt ekelhaft verdruckst. Wer „man“ sagt, schließt „ich“ aus: eine Form der Selbstdiskriminierung. Davon erzählt Abendscheins „Dranmor“ (auch): der Erzählung eines allmählich werdenden Wahnsinns. Am Ende wird der Ich-Erzähler nach Randlingen eingewiesen: „Was steht im Brötchen?“ Man bleibt ein Leser, auch wenn man nicht mehr schreiben soll. So entkommt man sogar zum Schluss. Vom „man“ über das „ich“ zum „wir“, nämlich: „Ein attraktiver Ort, wie man immer wieder versichert. (...) Und bald gehe es dann vielleicht auch mal in den Park, in dem es sich so schön kreisen lässt. Ich trete einen Schritt hinaus aus dem Hof. (...) Dann ist es Abend.Die letzten Vögel singen ihre müden Lieder und die Bäume, der vollberauschte Mond, ein paar halbe Sterne versuchen sich an einen Namen zu erinnern: Segle nicht wieder fort,/Robin Adair!/Bleibe im sichern Port,/ Robin Adair;/Glücklich werden wir sein/ Ja, dieses Herz ist dein:/ Laß es nicht mehr allein, /Robin Adair!//. Zu spät denke ich, ich fühle mich nicht mehr angesprochen. Uns zieht es zum Fenster hinaus und wir müssen uns auf das Nötigste beschränken. Ich gehe also, wie man kam, am ersten Flügel rechts und schliesse die Türe lautlos hinter mir.“


Umzonungen, Orte, Heimat : Pilz

Der Ich-Erzähler verlässt am Ende Randlingen, die Irrenanstalt der Schweizer Künstler. Es ist nicht das „Wir“ des poetischen Dranmors, das ihn anspricht, aber es hilft ihm dieses lyrische „Wir“ sich - kurzzeitig - ein eigenes zu schaffen, das ihn hinaus zieht. - Wohin? Hartmut Abendschein hat keinen Roman über Dranmor, den Abenteurer und Dichter des 19. Jahrhunderts geschrieben, keine Kriminalerzählung, keine tragische Liebesgeschichte, keine Erzählung über einen allmählichen Wahn. Oder doch. Er hat vom Stoff erzählt, aus dem solche Erzählungen entstehen. Aber aus diesem Stoff wird hier kein Roman: „Eine Geschichte müsse irgendwo spielen. Die meine spielt im Kanton Bern in einer Irrenanstalt. Was weiter? Man wird wohl noch Geschichten erzählen dürfen?, lese ich. Man sei hier in Randlingen, und die Personen, die auftreten seien frei erfunden. Und dass dieser Roman kein Schlüsselroman sei, unterstreicht man.“ Die Erzählung hat keinen Ort. Wenn die Erzählung keinen Ort hat, kann die Geschichte nicht erzählt werden. Und davon erzählt Hartmut Abendscheins „Dranmor“ (auch): Von der Vernichtung der Orte durch „Umzonen“, von der Heimatlosigkeit des „Ich“-Erzählers, der sich ins „man“ flüchtet und kein „wir“ findet. Das Motiv durchzieht „Dranmor“ von Anfang an: „Ich bin einmal gefragt worden, wie ich in diese Stadt gekommen war.“ Das muss vorsichtig umkreist werden. Darauf gibt es keine Antwort mehr, denn: „Ich spreche nicht mehr von Orten, die in meinem Leben eine besondere Bedeutung spielen oder gespielt hatten. Jetz spreche ich vielleicht noch von Orten, aber nur im übertragenen Sinne. Ich nenne sie manchmal Zonen, und meinen Bewegung in diesen oder von einer zu einer anderen nenne ich Umzonung.(...) Eine Umzonung, habe ich einmal gesagt, fände nur noch in mir statt, und eigentlich wäre es nur ein anderer Begriff für Zeit.“ Wer die Orte umzont, fühlt sich von ihnen angegriffen, in ihnen ausgeliefert. Die Wohnung wird unbewohnbar, Ausweichquartiere nötig. Es wird immerzu geräumt, umgeräumt. Simulierte Bewegung in der Bewegungslosigkeit, wie wenn man sich in der Zeit bewegt, aber am Ort bleibt. Träume von einem „Waldleben“, Orte, die zuwuchern, stete Verkleinerung des Lebensraums. Und die Sehnsucht nach Heimat: „Tucholskys Heimatbegriff bleibt, wo ich ihn hinbestimmt habe: unter Tucholskys Begriff des Anderen und über die Rolle der Pseudonyme. Ende der Diskussion. Wenn Heimat dort ist, wo man sich aufhängt, liest man weiter, aber Heimat immer auch woanders sein kann und Heimat immer das Andere ist – was bleibt dann übrig von Heimat? Nebenbei: Suizid wird damit grundsätzlich erschwert.“ Das stimmt. Eine Geschichte muss irgendwo spielen. Der Ich-Erzähler hängt sich nicht auf. Es gibt keinen Ort, der Heimat ist. Und keinen Spielraum für einen Roman des Erzählers über Dranmor. Nur die Zeit, über die hinweg sich Pilze in Räumen ausbreiten: „Der Pilz breitete sich unaufhaltsam aus und kennt keine Schonung. Fast täglich kann er Raumgewinn vermelden. Der Pilz ist böse. Ein dunkler, atmender Schwamm, der allem Leben die Luft nimmt: und damit die Möglichkeit, Kaiser Maximilian zu verstehen, wie die Trauer, die sein Tod erzeugt.“

Das Leben im (Nicht-)Roman, der keine Heimat ist und sein kann, aber den Suizid erschwert, ist ein Leben, in dem es um das Verstehenwollen geht, darum, die Trauer zu verstehen über das ungelebte Leben, das kein Roman ist. „Dichtkunst ist eine lange Liebe.“  (Dranmor zitiert Jean Paul). Wie kein Roman entsteht, das kann auch eine Aussage über die „Bedingungen der Möglichkeit des Anstandes“ im Un-Raum fiktionaler Täuschungen sein. Sie sind schlecht, offenbar, aber nicht ausweglos: „Nächste Abfahrt ist in acht Minuten.“

„Dranmor“ von Hartmut Abendschein ist kein Roman. Dies ist keine Interpretation. Ein Versuch über die Bedingungen der Möglichkeit des Lesens von keinen Romanen. „Man darf ja alles missverstehen; heutzutage. Man kann ja auch alles verstehen, wenn man nur will, und sich stur stellen und sagen: so sei es aber. Irgendwann ist es dann so. Irgendwann, wenn nur hartnäckig genug daran geglaubt würde.“

Da muss man halt selbst lesen.

GEGENWART wird verlängert!


Künstler und Eingang
Detail Drinnen
Draußen Treppenaufgang

Die Ausstellung "Gegenwart", die Arbeiten von Frankfurter und Berliner Künstlerinnen und Künstlern in der Berger Str. 6 in Frankfurt/Main zeigt, wird bis zum 25. Mai verlängert. 

Öffnungszeiten: Di - Sa 16-19 Uhr oder nach Vereinbarung (+49 (0) 15129457738)


Mit dabei: Thomas Hartmann aka BenHuRum (dessen Collagen oder Skulpturen jeden Dienstag auf Gleisbauarbeiten durch ein Foto präsentiert werden) mit einer "Tunnel"-Installation, die Café-Ausstellungsraum/Eingangshalle und Treppenhaus verbindet.