Mittwoch, 7. Januar 2015

#jesuischarlie



Statt der vorhersehbaren Kommentare, in denen Presse-, Meinungs- und Kunstfreiheit beschworen wird, sollten morgen alle europäischen Zeitungen mit den umstrittensten Karikaturen und Schlagzeilen der in Paris Ermordeten auf dem Titel erscheinen. Die Freiheit wird nicht geschützt, indem man sie beschwört, sondern indem man sie nutzt.

ZWISCHENSTAND (Tagebuch 274)

Hier entsteht nichts. Derweil lese ich viel. Nichts, worüber ich zu schreiben wünschte. Keine Kritik. Aufnahmen. (Entnahmen verboten!)

Sätze:
"Die Götter beißen nicht, sprach die M. und..."
"Aber deine N/nadeln nicht..."
"Wir luden uns auf bis das Licht uns verging. Scheinbar."

Sie schreibt nicht mehr. Noch nicht. 

In diesem Jahr werde ich 50 Jahre alt werden. In meinem vierzigsten Jahr mochte ich mich vor dem Datum nicht damit beschäftigen, aber als es vorüber war, kam die Krise: die Angst, nicht genug zu sein, mir nicht zu genügen (Und ihr, der gegenüber ich immer noch und wieder schweige, hinein in ihr Begehren, von dem ich weiß, das mir folgt, der ich danke, täglich, ohne es sagen, es schreiben zu können, ihr, der ich nie zu genügen glaube: C.) Diese Liebeserklärung, auf die ich hier verlinke, ist mehr als 4 Jahre alt. Noch immer und wieder mal bin ich unfähig, sie einzulösen.

Als ich dies Blog zu schreiben begann, steckte ich in jener Krise, die als "Midlife"-Krise gar nicht mal so falsch klischeehaft beschrieben wird. War das schon alles?, schien es mir überall entgegen zu schallen. Falsch aufgeschlagen, ausgeblieben, eingerichtet, weggesteckt. So fing das an: Bloggen. Und hiermit: All die Jahre - einem Blick zurück, mindestens nicht ohne Zorn. Versagt. Versagend.

Alles anders. Das Blog und das Bloggen haben mich bereichert. Versehrt. Angespitzt. Verlassen. Alles anders. Dieses Mal nähere ich mich dem runden Geburtsdatum bewusst. Zum ersten Mal fühle ich: Genug. Ich habe genug. Ich schaue mich um und sehe die Fülle. Dieses Leben, das ich führe, ist gut. Nirgendwo sonst möchte ich sein. Ich lebe mit den Menschen und im Guten, die ich liebe und denen ich vertraue. Ich schaue auf meine Söhne und fühle Stolz und Wärme. Ich habe etwas geben können. Genug. 

Ich weiß nicht, was zu schreiben sein wird und wie, aus dieser neuen Haltung, die entsteht. Einem schrieb ich vor einiger Zeit, dass ich nun alt sei. Das wies er, der noch bedeutend älter nach Jahren ist, empört zurück. 50 sei doch kein Alter. Mir dagegen erscheint nun diese Abwehr gegen das Wort und den Sinn von "alt" seltsam und auch - ein wenig - lächerlich. Ich werde bald 50 Jahre alt sein. Das ist nicht jung. Freilich - man kann noch viel älter werden (und darauf hoffe ich für mich). Aber ich bin froh und dankbar, nicht mehr "jung" zu sein. Ich schaue gern auf die Jungen und räume ihnen den Platz, den sie brauchen. Es scheint mir etwas Schreckliches von einer Gesellschaft auszugehen, in der die Alten oder Älteren unbedingt "jung" sein wollen. Als könne kein Raum mehr entstehen für die Jungen. Als wollten alle immer nur nehmen (was ich für ein Privileg der Jugend halte) und niemals etwas hergeben. 

Genug. Auch mit diesem Post. Ein Zwischenstand. BLOG-MÜDIGKEIT. Aus dem Niemandsland der Resignation. Alles im Wandel. Auszug. Umzug. Einzug. Ich räume. 

Alt sein zu wollen, heißt nicht, stille zu stehen. 

Montag, 22. Dezember 2014

Ja, ist denn heut´ schon Weihnachten?


Ein Beitrag von BenHuRum


Nö, erst übermorgen.

Hier schweigt´s. Nicht grummelig. Erschöpft. 

Allen ein gutes 2015!

(Möglichst wenig Begegnungen mit echten Identitären, freien Nationalen, wahren Religiösen, totalitär Wissenden. Bleiben Sie im Zweifel und notfalls zweifelhaft! Weniger bleibende Wahrheiten und mehr dauerhafte Liebe. Wünsche ich Ihnen!)

Dienstag, 2. Dezember 2014

PUTZTAG (Für K.)

 Mein Mantra: Kann nicht. Mehr. Und Du?


Dem. Nicht. Gewachsen.

("Ich war´s nicht", sagt sie.)

Aus dem kam sie nicht.
Weil diese Art Höhlen nur besetzen, 
aber nicht bewohnen kann.

("Das ist lachhaft", spottet sie.)

Gewachsen war sie nicht. Genug.
Sie fühlt sich schuldig, deshalb. 
Zu schön kurz.
Gesprungen.

("Das habe ich nicht gesagt.", betont sie.)

Unwirtliche Orte in Heimstätten wandeln.

Kann sie. Noch.
Kehraus.

("Ich schmisse das raus. Endgültig.")

Wahrlich. Alles lässt sich putzen.
Wenn du kommst. 

("Halt die Klappe, dummes Stück.")

Nicht gewachsen. 
Genug.


(Denk dir selbst die Geschichte dazu aus. Ich hatte Alpträume heut´ Nacht!)

Samstag, 22. November 2014

ZURÜCK AUF ANFANG ("Du kannst niemandes Heimstatt sein.")




"Dass du dir diese Gestalt gibst, Heilmann, macht dich nicht glaubwürdiger." Sie klang härter, metallischer, ihre Stimme, als sie beabsichtigt hatte. Heilmann war aus seinem Suff erwacht und blinzelte hinter der Brille, die sie ihm auf die Nase gesetzt hatte. Er wollte sie mit der Hand wegwischen, dieses Gestell einer demonstrativen Intellektualität, mit dem sie ihn ausgestattet hatte, absichtlich, um den Blick abzulenken, nicht nur den ihren. Bei Almuth hatte er nie eine Brille getragen. Seine Lider wie weggeschnitten, so hatte er Almut gesehen, kein Zwinkern hatte seine Augen auch nur für Sekundenbruchteil von ihrem Antlitz verschont. Almuth, der er zuletzt die Augäpfel ausgeschnitten hatte, um den Teufel zu befriedigen. "Doch nur im Traum." "Between grief and nothing."

Sie saß auf seiner Bettkante, die Melusine, sah hold und demütig aus wie eine gütige Mutter und schob ihr Knie unter seinen Kopf. Er wollte nicht ruhen, sich nicht an sie lehnen. Er gab ihr noch immer an allem die Schuld. Aber sein Körper gehorchte ihm nicht. "You took nothing." Sie sprach es ohne jeden Vorwurf aus. Er war noch nie ein alter Mann gewesen. Der Teufel hatte ihm einen Deal angeboten und er hatte ihm die Mutter geopfert für den Sohn. Um diesen Preis: Dein Sohn wird leben, wenn du dich ergibst. "Kann nicht kapitulieren", hatte aber die Melusine einmal über ihn gesagt. Das musste im 20. Jahrhundert gewesen sein, nach einem der großen Kriege. Sie lächelte müde auf ihn herab: "Da liegst du nun."

Er wollte sich erheben. Standhaft bleiben. Ihr Lachen perlte in seiner Erinnerung. "Du gibst keinen Helden ab mit deinem Stohhütchen und deinem gestreiften Sommeranzug, Heilmann. Zierlich wie du bist und weich." Das war 1913. Da waren die Härchen auf seinem Handrücken blond gewesen, die sich aufrichteten, ihren Fingern entgegen. Der Wind strich über das kaspische Meer, Turkmenbasi hieß der Hafen, in dem ihr Schiff anlegte. Das war jedoch ohne Bedeutung. Ihrem Schicksal begegneten sie dort nicht. Sie verbrachten nur wenige ruhige Tage unter Deck. Als wenn Almuth nicht werden würde und keine Willoughbys, nirgends. Als habe die Zukunft sich verzogen, gelegentlich, doch währte es niemals lang. Wie damals am See.

"Heilmann. erinnerst du dich?" Er schwieg. So leicht konnte er ihr nicht vergeben. Und sich. Sie ergriff seine Hand. "Sieh, wie die Adern hervortreten." Er kniff die Augen absichtsvoll zu wie ein störrisches Kind. "Du wirst nun runzlig, Heilmann. Für ein einziges Leben des Willoughbys hast du dich hergegeben." "Mein Sohn..." Heilmann wollte sich rechtfertigen mit weiter geschlossenen Augen. "Pscht..." Sie fuhr ihm mit den Fingern über die Lippen. "Ich weiß. Ich verstehe es nicht. Du hättest doch wissen müssen...Au." Er hatte sie in den Daumen gebissen. Sie beugte sich über sein Gesicht: "Mein Kind." Heilmann war wie gelähmt. Er hätte sie schlagen müssen, sie unter das Bett treten wie zuvor, um dem vorzubeugen. 

"Du weißt, du kannst niemandes Heimstatt sein." "Mein Sohn.." wiederholte er trotzig. Sie stand auf. "...bist du.", setzte sie den Satz fort. "Du dachtest wahrhaftig, du könntest mir entkommen, Heilmann." 

Sie hatte ihre Drachengestalt angenommen, ihn schauderte vor ihrer schuppigen Haut. Wie gewaltig sie über seinem Bett lungerte, wie sie ihn anfauchte aus ihrem riesigen, feurigen Maul, wie sie die Flügel ausbreitete in der winzigen Kammer und die Wände fortsprengte und flog. Als ein kraftloser Greis hielt er den Himmel in Armen. Um ihn lichteten die Flammen, verglühte das Holz, verkohlte sein knochiger Körper. Asche stob auf  und fiel grau in sich zusammen. 

Dann.

Da war mir als sey ich entsprungen
Dem innersten Leben der Mutter,
Und habe getaumelt
In den Räumen des Äthers
Ein irrendes Kind.

Heilmann weinte in seiner Wiege: "Maman."

Montag, 17. November 2014

Wortschatz: WISZBEGIERIG


Die Gier ist eine Sünde und unter den Gierigen sind die Wissbegierigen nicht die harmlosesten. Sie wollen wissen: Wieso, weshalb, warum? - Diese Fragen sind doch eher dumm. Wie? Wo? Was? Wozu? - könnten sie auch lauten, dann hätten sie Sinn, statt welchen zu machen. Oder? (Schweiz´risch zu sprechen mit lang gerolltem ´r´).

Die Anstalt des Lehrens und Lernens, eine Zwangsveranstaltung und über die Jahre ein Hort und Ort literarischer und tatsächlicher Demütigungen unwilliger und missbrauchter Zöglinge, namentlich in der humanistischen gymnasialen Form: schnarrender Offizierton, Gewaltformation, liederliche Bubenstreiche. Repression, Ressentiment und Regression. Gut dressiert oder wohlerzogen?

Gegen all das Wissen der Besserwisser und Kulturkenner besteht: Ich ging gerne hin, nicht nur um Freundinnen und Freunde zu treffen. Weil ich was wissen wollte. Wovon ich noch nichts wusste, nicht einmal wusste, oft, dass es sowas überhaupt zu wissen gab. Mich trieb weniger die Gier (oder: der Wille zum Wissen) als das Begehren. Nicht, "was die Welt im Innersten zusammen hält", fragte ich mich, sondern bloß: "Was es so alles gibt..." Und: "Wie das so geht? Wie die anderen was so ganz anders machen? Wie was ausschaut?" Das bloße Mehr. Meer. Weite. Horizont. 

Frau Otto, Latein, erzählte stundenlang spannend von Hannibals Zug über die Alpen. Elefanten verreckten im Schnee. Der Zimbo legte seine leere Aktentasche auf den Tisch, schnäuzte sich die Nase und sprach 90 Minuten druckreif über Platon. Manche schliefen ein. Ich lauschte gebannt. Catweazle schickte uns mit Mikrophonen zur Exorzistenjagd in die Fußgängerzone. Sein Bruder Manni bewarf uns mit Schlüsseln. Wir warfen im freien Fall Tennisbälle vom Schuldach und hobelten in der Werkstatt Bretter. Das Sprachlabor bewährte sich nicht.

Lauter Chancen, fand ich. Viele vertan. (Das will ich nicht wissen.) Wiszbegierig. Ich ging gerne hin. Meistens. War es mehr Vergnügen als Pflicht? Im Morgengrauen paukte ich die Vokabeln. Eine Welt, die größer, weiter und bunter wurde als das Dorf, als die Erzählungen der Männer im Zigarrenwinkel und der Frauen in der Waschküche. Die lernte ich in der Schule kennen. Später fand ich, dass Hanno Buddenbrook eine Heulsuse sei. Aber wahrscheinlich hatte das Sonntagskind, das ich blieb, einfach verdammt viel Glück. 

Freitag, 14. November 2014

Das Leben der Anderen ("The book of love is long and boring...")

Manchmal macht man sich vor, dass etwas plötzlich zu Ende gegangen ist. Wie vom Blitz getroffen... Selten stimmt das. Von Außen betrachtet, haben es die meisten schon lange gespürt, einige gewusst. Aber von Innen hat es eine oder einer oder beide oder die drei und vier oder viele nicht wahrhaben wollen. Es gibt nicht nur Anzeichen. Beziehungen und Lebensphasen sind kein Detektivspiel. Fast immer geht es um Gleichgewichte, auch wenn der Romantizismus das nicht glauben mag. Wenn die Balance aus dem Lot geraten ist und sich keine bemüht, sie wieder herzustellen, lässt sich selten etwas retten. Romantiker arbeiten nicht. Nicht für Geld oder Liebe. Falling in love...: Ein Absturz, der wie ein Flug erscheinen mag. Das kann sich hinschleppen oder auch mit einem Eklat enden. Jedenfalls endet es. Balance halten ist schwierig, vor allem, wenn immer wieder andere Gewichte auf die Waage gelegt werden. Neue Begegnungen, Zuwendungen, Entzüge. 

Was Du nie erleben wirst (als Romantiker): Das Wir zu denken. Du bleibst immer beim Du. Anziehungskräfte und Ablösungserscheinungen. Was Du nicht weißt: Was Liebe ist, endet nie. Denn Du bleibst für immer bloß in die Liebe verliebt. Denn alle Lust will Ewigkeit.

Aus der Warte der Beobachterin: Keine Göttin sein wollen, der es ein amüsantes Theaterspiel ist. Die Zuneigung bleibt (nicht ohne einen Hauch Mitleid). Es hilft niemandem, unerbetene Ratschläge zu erteilen. Trau nicht, wollte ich schreiben. Lass dich nicht berühren von dem. Sie weiß besser als ich, wo sie sich weh tun lassen will. 

Jeden Tag sich erinnern, wofür es sich dankbar zu sein lohnt (weil gänzlich unverdient):  Keinen Tag gelebt zu haben, ohne geliebt zu sein. Und daher frei zu sein für das: WIR.  




Magnetic Fields: The Book of Love

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Dienstag, 11. November 2014

Herzensseufzen





dines seren herzen sufzen unde biben
hat min gerethekeit von dir vertriben
Mechthild von Magdeburg




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Donnerstag, 6. November 2014

UMBAU-ARBEITEN im Gleisgefüge (Kleine Treuen)



gieb, dasz ich stets voll reiner triebe 
mich gern in kleinen treuen übe

Gesangbuch Gnadenau



Hier finden zur Zeit Umbauarbeiten statt. Realreal, fiktionalreal, phantastischreal. Tote Gleise. Neue Weichen. Ich schreibe nicht für Geld und gute Worte, sondern nur, wenn ich muss. Einiges wird am Ende nicht nur anders aussehen. Manches kann verschwinden. Archive in Ehren, doch auch die Vergessenheit verlangt ihren Tribut. Es hat hier nie eine sich veröffentlicht, die glaubte, im Besitz von Wahrheiten zu sein, deren die Welt bedürfe.  Ich folge keinem Plan, sondern der guten Fee Resignation. So long, fellows. 

Mittwoch, 5. November 2014

Auf die Fruchtbringende Herbst-Zeit


Freud'-erfüller / Früchte-bringer / vielbeglückter Jahres-Koch /
Grünung-Blüh und Zeitung-Ziel / Werkbeseeltes Lustverlangen!
lange Hoffnung / ist in dir in die That-Erweisung gangen.
Ohne dich / wird nur beschauet / aber nichts genossen noch.
Du Vollkommenheit der Zeiten! mache bald vollkommen doch /
was von Blüh' und Wachstums-Krafft halbes Leben schon empfangen.
Deine Würkung kan allein mit der Werk-Vollziehung prangen.
Wehrter Zeiten-Schatz! ach bringe jenes blühen auch so hoch /
schütt' aus deinem reichen Horn hochverhoffte Freuden-Früchte.
Lieblich süsser Mund-Ergetzer! lab' auch unsern Geist zugleich:
so erhebt mit jenen er deiner Früchte Ruhm-Gerüchte.
zeitig die verlangten Zeiten / in dem Oberherrschungs-Reich.
Laß die Anlas-Kerne schwarz / Schickungs-Aepffel safftig werden:
daß man Gottes Gnaden-Frücht froh geniest und isst auf Erden.






Catharina Regina von Greiffenberg (1633-1694)