Montag, 6. Juli 2015

Die Last der lauen Tage (oder: "I want you so much I could burst")


Wie tief er getaucht war, der dunkle Tom ("Your turn, my turn."). Ich dachte schon, ich könnte ihn nie wieder spüren: Um zu schreiben von dieser düsteren Liebe, die die Ehe beinahe sprengte und das kleine Glück am See zerstörte...:"He told me he could feel me. It made me feel myself again." All die Projektionen, die sie mit Liebe verwechselte: Anne/Armgard. Und in ihrem Schatten die Melusine, durch den See gleitend, dessen Oberfläche sich nur leise kräuselte. Es kräht kein Hahn danach, wenn es der das Herz zerreißt.

Was ich nicht leben kann, werde ich schreiben. Fing das so an? Wir hatten die Blicke vermieden, die uns entlarven könnten, einander vor allem. Was zum Schreiben führt, ist die Entsagung, das Versagen der Liebe. Das habe ich nie glauben wollen. Es muss doch auch vom Glück zu berichten sein. Aber jedes noch so eingebildete und herbei phantasierte Unglück wirkt glaubwürdiger. Ich kann mir das suggerieren. Als Ausflucht bilde ich mir ein, dieses jubelnd-heulend-zitternd Herz sei meine eigene Erfindung. Wir Schreibenden leben den Wahn, die Herrinnen unserer Geschichten zu sein, bis wir ihnen erliegen. Ich schmiege mich nächtens in die Kissen und träume von ungeküssten Küssen. Ein neues Kapitel der Ehe-Saga entsteht zur Zeit, ein Selbstgespräch der Sünderin unter den Wolken, die sich im See spiegeln: "Sometimes I want you so much I could burst..." 

Seitenaufrufe im Counter, die mich zurückführen an die Anfänge des Bloggens: "Der Freund meiner Freund ist ein Filou." Das Gespräch im Kommentarstrang mit Cazou: Frauen, die sich in den Sänger vergucken, Frauen, die auf den Leadgitarristen stehen, Frauen, die dem Bassisten verfallen, Frauen, die dem Drummer schöne Augen machen. Muster des Verliebens, die keinen Sinn machen, aber Wellen schlagen. (Ich sollte es mal mit einer reinen Frauenband versuchen.) Oder: Können eigentlich auch Nicht-Narzissten verzücken? Der grobe Charme der Selbstverliebten, dem wir erliegen. Wieder und wieder und wieder. Mir hatte es immer schon der Solist angetan, der die Augen niederschlägt. Kein Blick ins Publikum. Selbstgefangen. Unbefangen. Unfangbar. 

Ich habe noch nie den Anfang gemacht. So altmodisch bin ich. Lasse ich Anne sein. Der dunkle Ritter muss sie überfallen: "Das aufgescheuchte Wild". Ich arbeite an der Perspektive. Seiner. Ein Mann, der weiß, dass die Frau, die er will, nicht erobert, sondern überwältigt werden will. Woher weiß er das? Die Art, wie sie ihn nicht ansieht. Das Flattern ihrer Hände auf halber Höhe. Die linke Schulter, wie sie verkrampft. Dass sie ihn immer sieht und immer ausweicht. Er scheint nur so selbstbewusst. So ist er noch nie vorgegangen. So planlos. So rabiat. So verzweifelt. "I want you so much I could burst..."

Während ich schreibe, haben die Griechen mit NEIN gegen die Austeritätspolitik gestimmt, ist Jannis Varoufakis, der erste gut aussehende Finanzminister Europas (eine Sänger-Rampensau, nicht mein Beuteschema, also), zurückgetreten, hört man seit Tagen nichts aus der Ukraine, wo weiter geschossen wird, verteidigt der nationalistische griechische Verteidigungsminister die griechischen Verteidigungsausgaben, wird in Berlin vom dicken Siggi das Erbe Willy Brandts oberdreist verscherbelt, machen sich alle angeblich Sorgen um Europa und taumeln doch mit schlafwandlerischer Sicherheit auf ein Verhängnis zu. Bilde ich mir ein. Denn vielleicht geht ja noch einmal alles gut, im Sinne der Gläubiger, was also heißt schlecht im Sinne der meisten Menschen. Aber die interessieren ja nicht. Die marktkonforme Demokratie bleibt vielleicht trotz oder deswegen in Form. Vielleicht drehen sie tatsächlich nur eine nächste Runde. Vielleicht rumpelt weiter alles dahin. Das dachten wir schon einmal. Dass es immer so weiter geht, mehr schlecht als recht, aber weiter. Im selben Trott, unaufhaltsam. Ich kann selbstverständlich den großen Kladderadatsch nicht wünschen. Wer Konsequenzen fordert, muss den Preis zahlen können. Wer von uns hat dazu den Mut? Die Griechen? Es macht mir auch Angst, wenn Begriffe wie Ehre und Stolz als Motive politischen Handelns auftauchen. 

Das heiße Begehren nach etwas anderem wird wie stets auf lau gestellt. Mehr lässt die Feigheit nicht zu. "Love, music, wine and revolution." Letzteres, wie immer, abgesagt. Pragmatism rules. Wir haben immer noch viel zu verlieren. Ich schreibe mich derweil (Eskapismus rules, too) weiter, zurück in den Herbst des Jahres 1989 hinein. Als nichts begann, bevor schon alles verloren war. Blaupausen: Treuhand revisited. Ein Land wird geplündert und verramscht, nicht immer an die Meistbietenden. Niemand muss für solche Verbrechen bezahlen, das haben wir gelernt: Beamte, Berater, Bestatter. Später gehen sie auf Vortragsreisen. Von Kriegen berichten immer die Sieger.

Und Wahrheiten, die sich keine gern eingesteht: "Die Dame badet lieber lauwarm."





Versäumen Sie nicht, den Links zu folgen. So liest sich Netzliteratur ;-). Nichts steht für sich allein. Alles ist mit allem kryptophantastisch verbunden. 


Samstag, 20. Juni 2015

ROHE MENSCHLICHKEIT STATT ROMANTISCHE LIEBE. Laurie Penny über "Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution"

Quelle: http://www.crieur-public.com/cpwp/wp-content/uploads/2014/11/penny.jpg

Laurie Penny schreibt in „Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution“ von der Liebe in Zeiten des Spätkapitalismus: einer unseeligen Kombination aus Geschäftssinn (Funktions- und Synergieeffekte, Steigerung des Wirtschaftswachstums via Marktwert der Körper) und Romantizismus (Treue light als exklusiver Gebrauch der wechselseitigen Geschlechtsorgane, serielle Monogamie als Leitbild). Es geht bei dieser „Liebe“, die Penny „Liebe®“ nennt und die für uns von überall her beschworen wird,  vor allem um die repressive Beschränkung möglicher Intimität auf mit Liebesschwüren aufgeladene Sexualität. So werden wir, die scheinbefreiten Individualisten auf Linie gehalten: Arbeit am Körper und der Beziehung kostet und steigert das Bruttosozialprodukt. Über die „Liebe“, wie Hollywood, Werbung und Heftchenromane sie uns verkaufen, werden wir beschäftigt und gefügig gehalten, weil wir nicht einmal mehr begehren können, was uns befreien könnte: die Vielfalt der Lieben, die uns möglich sind, der Nähen und Vertrautheiten, der Treuen jenseits  sexueller Verfügbarkeit und wechselseitiger Besitzverhältnisse. Weil Liebe® das beste Instrument geworden ist, uns zu angepassten Wesen zu machen, die sich nicht trauen und nichts zutrauen, haben wir vergessen, das revolutionäre Potential der Liebe auszuschöpfen. Denn Liebe kann: Vertrauen produzieren, Besitzverhältnisse auflösen, Verbindung und Verbindlichkeit ermöglichen über monogame Zweierkisten hinaus (Gegen die allerdings, wo sie zwei Menschen glücklich machen, nichts zu sagen ist. Bloß als Norm, der wir alle hinterherhecheln sollen, entfaltet das heteronormative Zweierkisten-Ding seine zerstörerische Wirkung).

Penny gilt scheinbar derzeit in Deutschland als neuer Star am Firmament des Feminismus. Ich bin von ihrem Buch etwas weniger begeistert als viele andere Rezensentinnen. Über weite Strecken erscheinen mir ihre Analysen zum Geschlechterverhältnis stark vereinfachend, zum Teil zu sehr auf angelsächsische Dating- und Medien-Gepflogenheiten abgestellt, deren universelle Gültigkeit ich nicht erkennen kann, ihre Schlussfolgerungen aus persönlichen Erfahrungen auch zu sehr verallgemeinernd und redundant. Gleichzeitig ist es sicherlich eine Stärke des Buches, dass Penny sich nicht scheut, die Wirkung des spätkapitalistischen Patriarchats auf den eigenen Körper und das eigene Selbstbewusstsein darzustellen. Denn eine jede kann nur von sich selbst ausgehen und nicht für die andere mitsprechen. Daher denke ich, dass Pennys Analyse in diesen Grenzen verstanden werden muss: ihrer Altersgruppe (Penny ist Jahrgang 1986), ihre kulturellen und sozialen Backgrounds und ihrer persönlichen Erfahrungen und Lebensentscheidungen. Unterrepräsentiert (wenn auch nicht ausgeblendet) bleibt zum Beispiel die Perspektive von Frauen, die Mütter sind und sein wollen, die Perspektive von Frauen, die aufgrund ihres sozialen Status oder ihrer kulturellen Prägung kaum oder gar nicht „Zielgruppe“ der spätkapitalistischen Geschlechterkulturindustrie sind, die Perspektive alter Frauen oder die Perspektive von Feministen, die biologisch Männer sind.


Großartig aber ist, wie Penny auf den Punkt bringt, mit welchen Mechanismen ihre Generation, die oberflächlich betrachtet so viele Optionen hat, klein gehalten und in ihrem Begehren eingeschränkt wird: „Ich kann euch sagen, was wir wollen sollen: schwere Arbeit, schale Schönheit und romantische Liebe, gefolgt von Geld, Ehe und Kindern. Diese Definition von völliger Freiheit hat Besitz von unserer Fantasie ergriffen und lässt keinen Raum für andere Lebensweisen.“ Mit Verve setzt sich Penny für die Erkenntnis ein: „Liebe® ist nicht die wahre Liebe, denn viele andere Arten von Liebe sind auch wahr.“ Aus dieser erlebten und erfahrenen Erkenntnis zieht Penny ihre Hoffnung: Liebe kann die Welt verändern: „Die rohe Menschlichkeit der anderen ist die unsagbare Wahrheit, die der moderne Sexismus mit seinen Mechanismen zu verschleiern sucht. Wenn wir den Mut haben, sie einzufordern, wird eine Bewusstseinsänderung einsetzen und eine sexuelle und soziale Revolution in Gang bringen, die uns die Freiheit geben wird, erfüllter zu leben und zu lieben und das wird genauso furchterregend sein, wie es klingt.“

Dienstag, 16. Juni 2015

"IT´S SPROUTING" - Charlotte Malcolm-Smith in der Frankfurter Weißfrauenkirche






Überall wuchert und breitet sich alles aus: Wunden, Körperöffnungen, Haushaltsmüll, Gewalt und Schmutz. Das muss verpackt und eingemacht werden!? Charlotte Malcolm-Smith malt, strickt und häkelt. Aus den Leinwandbildern, die Comicmotive (von Robert Crumb) und kunsthistorische Stiche (Goya, Dürer et. al.) zitieren, wuchern die bunten Fäden aus synthetischer Wolle. Die Ausschnitte aus den meist schwarz-weißen Vorlagen, die Malcolm-Smith wählt, zeigen häufig männliche Körper(teile), versehrt, verunstaltet, gefesselt. Die Gewalt des Menschen gegen den Menschen, die die Kunstgeschichte konserviert, wird in Malcolm-Smith Arbeiten noch einmal ausgestellt und zugleich überführt in eine sonderbare Form geschnürter, farbiger Schönheit: „It´s sprouting.“ Der Körper wächst über seine Wunden hinaus, wird eingefasst, von gehandarbeiteten Fäden gehalten: Eingemachtes. Deutsch-gemütliche Häkelei begegnet einem schwarzen schottischen Humor. In Malcolm-Smith visueller Welt begegnen sich Kunstgeschichte, Handarbeit, Schmerz, Gewalt und Witz auf eine höchst eigentümliche Weise. In der Frankfurter Weißfrauen-Diakonie-Kirche hat Malcolm-Smith für ihre Arbeiten gleichsam eine kleine Kapelle aus Stellwänden geschaffen, die den sakralen Raum gleichzeitig aufgreifen und konterkarieren.

Charlotte Malcolm-Smith: eingemachtes
12. Juni 2015 – 24. Juli 2015
Montag bis Freitag von 12.00 – 16.00 Uhr  
Weißfrauen Diakoniekirche
Weserstraße Ecke Gutleutstraße


Samstag, 13. Juni 2015

Achtsame Arbeitstage

"Ich bin", sage ich, "jetzt ja auch gar nicht so traurig, wie ich tue." Traurigsein, spiele ich ihm vor, ist halt ganz schick und also auch ich tu gelegentlich mal so, geb mich mal ganz melancholisch, suggeriere ich, als eine von denen, die sich immer ein bisschen interessanter machen wollen als sie sind, heraus aus ihrem kleinbürgerlich gemütlichen Leben, in dem sie, wie ich, doch vortrefflich eingerichtet sind. Ich lache. Er sieht schon wieder ganz beruhigt aus, holt sich noch eine Tasse Kaffee. Es ist, das verstehe ich natürlich vollkommen, nicht angenehm so aus dem Nichts heraus konfrontiert zu werden mit der Bodenlosigkeit einer anderen, ungefragt und ungebeten, ich muss das korrigieren und modifizieren, ich muss dafür sorgen, dass der Spaß bleibt und ein Witz wird aus diesem unkontrollierten Moment, den ich mir erlaubt habe, gerade eben. Das gelingt. Wir arbeiten an dieser Stelle perfekt zusammen: meine permanente Lächelbereitschaft und sein Zynismus. Schon ist es wieder eingerenkt, schon sind wir wieder auf einer Ebene, die funktioniert und uns funktionsfähig hält. So kann der Arbeitstag beginnen. 

Beinahe aber hätte ich vorhin losgeheult - und dann? Hätte ich mir etwas ausdenken müssen, eine Geschichte, eine maßvolles Unglück, das mich ereilt hat, nichts zu Dramatisches oder Folgenschweres, um späteren Nachfragen auszuweichen, der Gerüchteküche nur minimales Futter zu geben, ich weiß, wie das geht, ich streue meine Krümel. Selbstverständlich bilde ich mir nur ein, das immer kontrollieren zu können, was weiß ich schon, was die hinter meinem Rücken über mich reden? Das ist mir auch egal, solange alles vage genug bleibt und mir nichts rausrutscht, was gegen mich verwendet werden könnte, wie Tränen, unbegründete, öffentliche Tränen oder haltlose Anrufungen  und Namen...

Ich speichere nichts; halte nichts fest, nur dies kryptische Geschreibsel hier, denn ich muss mich fürchten vor den Agenten, die nicht die NSA beschäftigt, sondern der gesunde Menschenverstand, selbst mein eigener. Wenn ich mir alles abnehmen täte, müsste ich mich viel schärfer überwachen als es mir möglich ist. Ich halte die Balance, besuche den Friseur und fahre durch die Waschanlage. Alles summt mit und geht schön glatt. 

Mein Chef hält mich für durchaus effizient.

Montag, 1. Juni 2015

"JUST ANOTHER BAD HAIR MONDAY" (aus dem Doppel-Leben der Lehrkraft P.)

Ironische Selbstansagen mache ich mir in Englisch. Und bleibe mir so vertraut doch lieber fremd: Geschichten erzählen in der 3. Person, während die Prüfung läuft. Ich funktioniere als perfekte Pantoffelheldin des lernenden Systems und stelle doch die Frage: „Kann es sein, dass der Verrückte, den wir brauchen, Dieter Bohlen ist?“ Während die Funktionsfähigkeit ungebremst vorgegaukelt wird, läuft nebenbei unablässig mein geheimer Film: In dem jene zärtliche Aufmerksamkeit für kleinste Bewegungen herrscht, die hier nicht einmal vorstellbar scheint, wo Urteile gefällt und Witze geworfen werden müssen.

Stille Tage im Innern der Verkapslung, während draußen hektisch Termine gemacht und verschoben werden. Ein größerer Teil von mir ist nicht mal da oder dort, sondern schwebt sich fort: „Wild Thing, Mary.“ ("Gimme names.") Ich rüttele schon lange nicht mehr an Stäben. Ich simuliere Ankünfte in Storylines, bis ich bleibe. Vor Jahr und Tag schrieb ich, dachte ich, an silberne Härchen auf starken Handrücken. Eine achtsame, weiße Schulter mit Anlehnpotential wird ähnlich sehnsüchtig erträumt: (Er-)Schöpfungspotential.

Ein Zimmer für mich allein: Rot. Drinnen gesellen sich die Gestalten herzu: Heilmann, Mel, An, Madame S., Commandante K. Wir gehen tanzen ins billigste Ritz der Nachkriegsjahre, bis wir herausgetragen werden. Eine gelbe Gardine flattert im Wind. Jemand läuft geschwind über die gewundene Treppe hinauf auf hochhackigen Schuhen: Klickklackklickklack. Ein Flüstern und Kichern im Flur. Ich möchte nur noch in Hotels wohnen? „Some of us can only live in songs of love and trouble, some of us can only live in bubbles.“

Der Pianist in der Bar stellt die Verführung pur vor. Ob seine Brusthaare schon grau sind? (Ich kann mir noch immer keine Männer mit blanker Brust erträumen.) Nippen an einem Drink, der samtig die Zunge saugt. Über Mündern, die sich anstarren. Daraus könnte eine sehr traurige Liebesgeschichte werden. „You and I, we don´t believe in happy endings.“ Es gibt gar keine anderen Themen: das Meer, die Liebenden, der Tod. Nur Idioten denken an Konjunkturkrisen. Oder Hits. Und die Verrückten, die wir brauchen. (Lebt Bohlen eigentlich noch?) Ich weiß, dass es keine Pflichten gibt, außer zu lassen. Das ist keine Flaute, wie du meinst, Heilmann, sondern die Brise. Der sanfte Hauch, unter dem ich mich ergebe. 

Samstag, 2. Mai 2015

ANKUNFT (2): Brezelautomat und Dominas

In dieser Stadt, so lasse ich mir sagen, müsse die Dose immer dicht am Fuß gehalten werden. Noch bin ich nicht streetwise und hardcore. Meine Röcke wippen, mein Brunnen wispert, mein Märchen beginnt immer : "Es war einmal eine Rapunzel und schor sich das Haar raspelkurz..." Es gibt aber gar keine Märchen in Lack und Leder. Jedoch: Was lässt sich nicht sagen und schreiben? Beispielsweise: "Erzähl doch mal vom Brezelautomaten." (Schwör!)


Es war einmal ein Galanteriesattler, der hatte sieben Töchter, eine schöner als die andere. Die hob er, wenn ihre Röcke lang genug waren, hinauf auf die Ladenschilde und band ihnen die ledernen Riemchen an die Fesseln. So standen sie gülden und rötlich und braun und schwarz und gescheckt und warben für sein Geschäft.


Um die Ecke dort wohnen heutzutage Darth Vader und seine Kumpel. Der Herbst-Kaiser lebt Parterre. Das scheint mir eine Allegorie auf das Handwerk, die Kunst und das Leben. Oben wird's derzeit düster und väterlich. Der Patriarch zieht die Treppe hinunter und richtet sich beschaulicher ein. Im Vorgarten werden derweil von Migrantengärtnern Palmenkübel aufgestellt. Die Gartenmöbel dazu wirken albern mediterran. Allerdings: Das Klima wandelt sich. (Schwör!)


Da kam ein Prinz geritten auf einem schäbigen Gaul vom Messegelände her. Die alte Mähre trug einen verschlissenen Sattel, doch der Prinz heroben machte eine stattliche Figur und warf seine dunkle Mähne verführerisch über die Schulter. Die Mädchenaugen zuckten und eine nach der anderen stiegen sie herab von ihren Schildern, um dem Gaul in die Zügel zu greifen und den Prinzen aus dem Sattel zu heben.


"Bitte haben Sie Geduld.", mahnt eine blecherne Stimme aus der Wand des Süpi-Discount- Supermarkts. Grad werden die Brezeln gebacken. Immer frisch und frank. Dann öffnet sich das Schiebetürchen. Sie fallen, scheinbar, voll automatisch und hygienisch in den Greifschlitz: eins, zwei, drei, vier. Nur wer sich traut, tritt hinter die Wand und sieht die Einheimischen als Niedriglöhner die Teigwaren in die Ofen schieben. (Schwör!)

Da stand er nun, schön, stumm und ohne Penunzen. Aber die sieben Weiber überschlugen sich geradezu. Eine nach der anderen eilten sie in die Werkstätte, grapschten die Peitschen, die vergoldeten Sättel, die ledernen Wamse und Augenmasken, die Mieder und Handschuhe. So standen sie zuletzt vor ihm, dem schüchternen Prinzen und seinem elenden Pferd: Sieben Dominas in der Lederstadt und öffneten lüstern ihre Münder. 


Den Rest kann ich nicht entziffern. Im Bahnhof wirbt ein Gott ohne Telefonnummer um Anrufe. Er weiß: "Gut, dass ich dich nicht sehe, wenn das Licht ausgeht." Alles wird aus Versatzstücken wahllos zusammengepfercht. Nur so entsteht Schönheit. Wer etwas anderes behauptet, lügt. Es kann die Kargheit sich nicht mehr attraktiv machen in unserer Zeit. 

Er stotterte, sie plapperten. Er zögerte, sie fassten zu. Halb zogen sie ihn, halb sank er hin. Als der Vater, der auf einem Kundengange gewesen war, zurückkam, war es längst um ihn geschehen. Nichts blieb dem Alten, als verzweifelt die geschundenen Gerberhände vors Gesicht zu schlagen. Den armen Prinzen hatten sie zwischen sich unter galanten Geschenken begraben, ach die ledrigen Luxusweiber. Als er sich nicht mehr rühren konnte, kletterten sie geschwind zurück auf ihre Schilde. Der alte Mann führte den klapprigen Hengst, der vor der Türe gewartet hatte, in seinen Stall und gewährte ihm fürderhin ein Gnadenbrot. 

Und wenn sie nicht gestorben sind, so lassen sie den Prinzen, der so dünne geworden ist wie seine Haartracht inzwischen, noch immer nach ihren Peitschen tanzen.

Die Gentrifizierung schreitet ungebrochen voran. Im Hafen wird wieder nach Gold geschürft.   Läuft doch. Happy End.(Schwör!)

Sonntag, 19. April 2015

INTRIGATIVE FESTE oder KEINE KONFLIKTE IN DER MODERNE

"Unter all den Lügen", sagte sie, "bricht etwas auf." Das erste Kichern unter der Haube. (Jetzt setzen die Kontexte ein: Motor oder Bändel?) "Intrigativ." Das war keine Verwechslung, kein Sprachfehler, keine Wortverdreherei. Eine Schöpfung. "Lass uns doch bitte noch mal darüber reden." Wie sehr er diesen Satz hasste. Schon die Fülle der Füllwörter wirkte, so empfand er es, entlarvend. Diese unwiderstehlichen Befehle im Bittstellerton, darin war sie groß. Er vermutete, dass Frauen ihres Milieus und Alters schon als Mädchen darauf getrimmt worden waren. Vielleicht war das ungerecht. Er redete Klartext, bildete er sich ein. In Wahrheit schützte er sich durch verbale Vorne-Verteidigung, besser als jeder Panzer.  (Die Rollen sind mal wieder geschlechterstereotyp verteilt. Ich kann es nicht ändern. Doch es wird sich ändern. Beim nächsten Paar.) Er schob das vegetarische Grillgut auf die Vorspeisenplatte.


Sie rutschte aus auf diesem aalglatten Parkett rücksichtslos belangloser Kommunikation mit hohem Anspruch, immer wieder, stolperte, nahm ernst, was nur gemeint war und lachte so, dass es nur als Auslachen verstanden werden konnte. Dabei hatte sie sehr gemocht werden wollen in dieser Runde: Schöne kreative, junge Menschen, die sich mit Fleiß verunstaltet hatten. Überlange schräge Ponys, schmuddelige Pullover, tiefsitzende Hosen über gerippter Unterwäsche, dicke Wollmützen bei 20 Grad im Schatten, neuerdings immer öfter auch Bärte wie Propheten, Boyfriend-Jeans über schlanksten Hüften, alle Berührungaufhänger vermieden. Körper mit Starpotential, wo sie hinsah, aber eingepfercht in die Seelen von Kaninchen in warmen Gehegen. Engagiert und wütend immerhin: das Unbegreifliche, die Toten im Mittelmeer,  diese Herzlosigkeit, die Kleinlichkeit der Kleinbürger und die eigenen Existenzängste, stinkende und lärmende Mitbewohner in Billigst-WGs, Einreisebestimmungen, Scheinehen und so. Alles wie gehabt. Palaver, Palaver, aber voll ernst, todtraurig, ganz zynisch oder total abgeklärt. Jung halt. Wie wir auch mal waren. Vor tausend Jahren. "Und die Bullen." Da wäre es ihr beinahe herausgerutscht: "Sind auch Menschen." Sie nahm noch einen Hähnchenflügel.

Dabei war es schön. Eingetaucht in den samtenen Sonnenschein eines überfrühen Frühfrühlingsabends. Hinterhofidyllen, rosa Wäsche auf der Leine, keine führt keinen am Band. Sie sind so frei, dass sie sich nicht binden können. Generation: "Kommt noch was Besseres?" Auch darüber werden Artikel geschrieben, die keine lesen braucht. Das ist ungerecht und alt. Zuckerschock in der rechten Backe. Diese moderne Welt ist scheinbar voll individualisiert und doch ganz nett. Selbst der Hipster hat eine Mama, die ihm zum Geburtstag Kuchen backt. Es gibt immer irgendwo eine alte Frau, die einen jungen Mann mag. Oder umgekehrt. Reine Mädchenaugen, märchenhaft umflort, erheben sich zu grauen Brauen. Wir haben viel weniger Generationenkonflikte als alle unsere Vorfahren. (Und: "Wer war schon im Krieg?") Er griff nach den Chipstüten im letzten Karton.

Alle Einschusslöcher übermalt. Tanz den Bären mit deinem heimlichen Bewegungdozenten. Zwei vor, eins zurück. Posiere auf einem Motorrad: Wer hat, der hat. Kinn vorgeschoben, Härte simuliert aus dem weichen Leben heraus. Nur Idioten sehnen sich nach mehr Einsamkeit, Schmerzen und Hass. Auch sie leben unter uns und frönen ihrer Leidenschaft. "Die Menschen sind voll die Arschlöcher", sagte zuletzt der Aktivist. Darauf noch ein Schlappeseppel. 

Nach Hause gehe ich durch den idyllisch beleuchteten Park. Die Turmuhr schlägt. Ich bilde mir ein, dass meine Röcke rauschen. Den zarten Beginn einer großen Liebe beobachtet, das hätte ich gern. Es ist eine Möglichkeit. Ein Kichern habe ich gehört, bevor die Tür zuschlug. Dann fielen sie über einander her. 

Auch wir waren einmal jung und gut.