Samstag, 26. Juli 2014

VORBEIGESCHAUT (Aus der Serie: WIR)


Caterina van Hemessen: Selbstbildnis
Geh zur Seite, geh!

Wir werden draußen sein, weißt du, wenn wir an dir vorbeikommen. Wirst du auf den Stufen sitzen und verloren mit den Händen durch deine Haare fahren? Trägst du dein Haar offen oder verbirgst du es unter einer Haube? Das wagten wir nicht zu fragen. Was trägst du am Körper, Körperloser, oder bleibst du dir nackt?

Wie die Sterne auf ein Haar scheinen könnten, das du nicht trägst. Denn: Der Geist ist haarlos. Dem Geist glänzt eine Glatze: Spiegelnde Sterne auf deiner Stirn strahlen wie eine Krone. Oh, wie sie strahlt über deinem Haupt, das du in Händen hältst auf deinen Stufen. 

Wir werden uns erheben. Wir werden den Stift in die Hand nehmen, den Pinsel schwingen und schauen.

Und du wirst uns nachsehen. Zieh die Vorhänge zu, Herr, wenn du nach drinnen gehst. Deine Haut ist empfindlich, wenn die Sonne kommt, wird es schmerzen. Wie bleich du bist. Bedecke deine Augen, wenn du welche hast. Schau nicht nach oben. Wir erheben unseren Blick. Nicht zu dir. Nach draußen. Vor das Bild.

Wir können nicht warten. Wir sind draußen. Jenseits deiner Schuld.

Bleib. Wo du bist.

Freitag, 25. Juli 2014

"...dass mir nichts Schlimmeres passieren kann."

Wie fängt das an, wann und womit? Und warum geschieht es einigen stets und anderen - scheinbar - nie? Fremdheit kennt eine jede. Aber nur manchen wird sie zur besten Freundin. Nur für wenige wird die Furcht, sich selbst fremd zu werden, immer größer sein, als jene, anderen fremd zu bleiben. 

Erkennungszeichen: Hilflos mit dem Glas in der Hand herumstehend wird verzweifelt eine Frage gesucht oder ein schlichter Satz, der kompatibel ist. Small Talk. Damit geben viele an, dass sie den nicht beherrschen. Etwas anderes ist die Angst, von ihm beherrscht zu werden. Immer noch nett wirken, wenn es in den Eingeweiden gärt. Oder diese unterschwellige Aggression, die sich in der Tonlosigkeit der Stimme offenbarte, wenn jemand hier Offenbarungen erwartete. Das bleibt - trotz aller Bemühungen, herzliches Lächeln stilecht zu imitieren - nicht unbemerkt, niemals. Darüber darf man sich keine Illusionen machen. Die Liebe zur Fremdheit dünstet einen Geruch aus, den noch die eifrigste Parfümierung mit geheucheltem Interesse in Gestik und Stimme nicht überdecken kann. Den selbstbefriedigenden Widerwillen gegen den Gemeinschaftsgeist kann noch die willfährigste Bereitschaft zum Teamwork nicht vollständig verdecken.

Initiation: Ich stehe auf dem Garagendach und will springen. Ich habe das schon hundertmal getan: Atem holen, Anlauf nehmen, Ausatmen, fliegen. Bis ich mich eines Tages stehen sehe, Atem holen höre, stehen bleibe, hinabschaue. Ich werde nie mehr springen. Es könnte sein, dass ich die Gefahr erkannt habe. Aber ich erinnere es anders: Es war als habe ich mich erkannt. Ich werde danach niemals mehr irgendwo einfach dabei sein und machen. Ich weiß jetzt, wer ich bin, was heißt, dass ich nicht bin, wie andere und nicht wie ich, wenn ich mich nicht sehe. Ich kann mich von nun an auch nicht mehr nicht sehen. Ich kann mich immer noch anpassen und wohlwollen. Aber ich kann nicht mehr dazu gehören. Ich kann es nicht einmal mehr wollen. 

Versteckspiel: Seit ich mich sehe, will ich weniger gesehen werden. Es wäre falsch, das mit Schüchternheit zu verwechseln. Ich bleibe trauriger, aber ich lasse es nicht raushängen. Ich trage kein Grau und gewöhne mich an das Schauspiel, das ich anbiete. Je besser ich als Darstellerin meiner selbst werde, desto mehr habe ich zu sagen. Mit meinen Erfolgen werde ich mir fremder und ich muss mich selbst sabotieren, um mich wieder einmal zu spüren. 

Die Anstrengung ist nicht immer gleich groß. Manchmal bin ich federweich und -leicht. Manchmal sinke ich schwer. Es gibt keine Hoffnung, nur die Sehnsucht anzukommen und das Wissen darum, dass mir nichts Schlimmeres passieren kann. 

Montag, 21. Juli 2014

Spätvorstellung: DE MAYERLING A SARAJEVO (1940)




Ein Beitrag von Morel


Max Ophüls Film über Erzherzog Ferdinand und die tschechische Gräfin Sophie Chotek, die Opfer des Attentats von Sarajevo, hatte am 1. Mai 1940 in Paris Premiere. Wenige Tage später begann der als Blitzkrieg bekannte Westfeldzug. Der nächste Krieg hatte begonnen, die Schüsse von Sarajevo hallten immer noch nach. Das Land, in dem De Mayerling a Sarajevo gedreht wurde, war schon bald von den Deutschen besetzt und ein weiterer Film eines der besten deutschen Regisseure begann seine Karriere als unbekanntes Meisterwerk. Ophüls hatte in den zwanziger und dreißiger Jahren an renommierten Theaterhäusern in Deutschland und Österreich gearbeitet, unter anderem am Burgtheater. Dabei war er immer wieder antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt, weshalb er selten länger als ein Jahr an einem Haus beschäftigt war.  Anfang der dreißiger Jahre begann er damit Filme zu drehen, am bekanntesten sicherlich das Melodram Liebelei mit der jungen Magda Schneider. Hier zum ersten Mal und in der Folge immer wieder zeichnet der Saarländer Ophüls ein romantisiertes Bild Österreichs vor seinem Untergang – eine Kulissenwelt, in der nur die Liebe und die Musik den Raum öffnen. Die bewegliche Kamera dynamisiert die oft gerahmten Bühnenbilder Ophüls und umkreist es immer wieder gerne: das Walzer tanzende Paar im instabilen Zentrum einer untergehenden Welt. In den Tagen nach dem Reichstagsbrand verließ er Deutschland und ließ sich mit seiner Familie in Paris nieder. 1938 wurde er französischer Staatsbürger. Hier griff er mit De Mayerling a Sarajevo kurz vor dem nächsten Weltuntergang erneut ein österreichisches Thema auf. Trotz seiner linken Ausrichtung und der politischen Verfolgung ist Ophüls nicht wie Brecht ein im herkömmlichen Sinne der Agitation politischer Künstler. Die Politik ist immer Außen, Teil der Bühnendekoration, sie zerstört mit ihren Manipulationen das Leben. Der Erzherzog Ferdinand ist daher nicht die historische Figur, ein fanatischer Jäger und reaktionärer Katholik, sondern ein romantischer Liebhaber, dessen Reformideen am Hof auf Widerstand stoßen (eine ähnliche Konstellation wie im vorher gedrehten Film Mayerling von Anatol Litvak, der aber mit dem unglücklichen Rudolf einem anderen Thronfolger gewidmet ist). In den klassischen Liebesfilmen geht es für das Paar immer darum, Widerstände zu überwinden. In der Komödie sind diese Wiederstände meistens nur eingebildete: das Paar gehört zusammen, es weiß es nur noch nicht. Im Melodram (heute außerhalb des Kunstkinos so gut wie ausgestorben) sind die Widerstände dagegen gesellschaftlicher Natur. Das Liebespaar weiß sehr wohl, was es will, nur die Gesellschaft duldet diese Unbedingtheit in ihrer Mitte nicht. Das macht ausgerechnet das bei der Linken so verhasste Melodram zu einem Kino der Kritik. Fassbinder zumindest wusste das. In den Liebes-Melodramen von Ophüls sind die Liebenden nie allein, sie stehen immer unter Beobachtung. Wenn der Walzer, bei dem sie nur für einander Augen hatten, verklungen ist, haben die anderen Tanzpaare etwas zu erzählen. Das neben dem Walzer zweite visuelle Thema in Ophüls-Filmen, mit dem De Mayerling a Sarajevo auch beginnt, greift das immer wieder auf – die Nachrichtenübermittlung, die Verbreitung von Gerüchten. So wandert am Anfang eine Botschaft für den Hof von Hand zu Hand, wie bei Kafka zahlreiche Räume durchquerend, immer von der Kamera verfolgt. Tödlich für Ferdinand und Sophie ist letztendlich die Kälte, auf die sie als nicht standesgemäße Verbindung am Hof stoßen (es handelt sich um eine sogenannte morganatische Verbindung, die ihre Kinder von der Thronfolge ausschloss). Letztendlich führt das bei Ophüls auch zu den unzureichenden Sicherheitsvorkehrungen in Sarajevo. Die Katastrophe nimmt ihren Lauf, wo das Glück gehasst wird. Wer Die Schlafwandler, das spannende Buch Christopher Clarks über die Julikrise 1914 liest, wird öfters solchen Figuren begegnen: Männer, die das Leben fürchten und das Glück verachten. Die Filme Ophüls werden inzwischen kaum noch gesehen, dabei sind sie in ihrer tänzerischen Leichtigkeit, ihrem Witz und ihrer technischen Brillanz pures Glück. Sein in Wikipedia zusammengefasstes Leben besteht aus ungefähr 300 Wörtern, das von Veit Harlan aus 1000. Um das noch unabgeschlossene Leben und Werk von Til Schweiger zusammenzufassen, sind jetzt schon 1.100 Wörter nötig.

Sonntag, 20. Juli 2014

AUFSTAND GEGEN DIE WILDNIS (Ein Traumbild)

Ob wir uns darin unterscheiden oder gleichen, ahne ich nicht einmal. Der Garten taugt mir wie kaum etwas zur Metapher. Damit bin ich weder allein noch originell: Hortus conclusus. Doch kann ich das Geständnis an dieser Stelle nicht vermeiden, dass ich nicht gärtnere. Nie.

***

Ich erwachte unter einem Baum. Noch im Erwachen erinnerte ich, wie selbst im Traum das sanfte Schaukeln der Blätter im Licht im Sekundentakt den Charakter der Szenerie verändert hatte. Nicht grausam indes oder beängstigend, sondern sanft, weich, als Zeichen für den gleitenden Wechsel, das sanfte Hineinwachsen in ein Anderes, das ich ersehnte.

Im Traum hatte ich deine Berührung gefürchtet. Ich wusste, wie leicht die kaum sichtbaren goldenen Haare auf meinen Schenkeln, der zarte Flaum unter meinen Achseln oder gar die zärtliche Wölbung meines linken, fest verwachsenen kleinen Ohrläppchens deine Aufmerksamkeit, dein Begehren erregen konnten. Deine Hand, die nach meinem Fußgelenk greifen könnte, nicht fesselnd zwar, noch nicht, aber in Besitz nehmend - wie hätte ich mich dagegen wehren können? Ich wollte mich nicht sehen lassen vor dir, deshalb. So schmiegte ich mich tiefer in die Kuhle des Feldes und bedeckte mich mit Erdkrumen. 

Ich war nicht nackt, selbstverständlich nicht, sondern in meinem schwarzen Badeanzug aus dem See gestiegen, hatte im Gegenlicht gestanden, das Wasser abschüttelnd, glitzernde Tropfen fielen zurück wie ein ganz kurzer Sommerschauer. Meine Sohlen wurden dunkelbraun von den wenigen Schritten, die ich hinaustrat aus dem Schatten, der den Waldsee umgab, ins freie Feld. Der hiesige Boden ist karg und sandig, nicht zu vergleichen mit der öligen Erde meiner Heimat. 

Woraus schloss ich, dass du nach mir suchtest, an diesem Morgen? Ich hörte das Laub unter deinen Füßen rascheln, lange bevor du dich hinter den Büschen verbargst. Du willst mir nur zuschauen, weiß ich, mich nicht überfallen. Dennoch musste ich ein Zeichen setzen, das du verstehst. Wie ich mich der Erde anvertraue, dass wird dich lehren, deine Hände von mir zu lassen.

Der Apfelbaum, unter dem ich erwachte, nachdem ich mich zur fruchtbaren Scholle geträumt hatte, bildet den Mittelpunkt eines prächtigen Bauerngartens. Hoch reckt sich der Rittersporn am Zaun, Blaukissen rahmen die Schotterwege, Löwenmäulchen recken ihre Häupter, Ringelblumen locken die Bienen an und rechts von mir blüht der Lavendel. Ich sitze auf meiner Bank und strecke die Hand nach ihm aus, um den Geruch aufzunehmen, mit dem ich mir durchs Gesicht fahren werde. Links sind in Reih und Glied die Möhren, der Kohl und die Bohnen angebaut. Gerade aus sehe  ich zum Gartentor, das rosafarben und üppig die Kletterrosen umranken. Dahinter: das Nichts.

***

Als ich jünger war, dachte ich immer, ich könnte morgen anfangen: zu pflanzen, Klavier zu spielen oder zu tanzen. Heute habe ich Mühe, die wilden Brombeeren zurückzuschneiden. Ich wollte säen, aber ich schaffe es nur noch zu stutzen, bevor ich überwuchert werde. Ich gärtnere nie. Aber ich genieße die Früchte der anderen. Und sehne mich mehr und mehr nach der Frau mit dem grünen Daumen. 


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Freitag, 18. Juli 2014

Eigentlich...

Eigentlich sollten Posts, die mit "eigentlich" beginnen, gar nicht geschrieben werden. Denn eigentlich ist "eigentlich" ein gar verdächtig Wort. Kein Schatz. (Kein Fall also für den Wort-Schatz, das pädagogische Projekt, das auch schon lange brach danieder liegt.)

Trotzdem mal geschaut, was eigentlich  im Grimm´schen so steht. Ohne Goethe geht´s eigentlich nie:

ich macht ihm deutlich, dasz das leben,
zum leben eigentlich gegeben,
nicht sollt in grillen, phantasien
und Spintisiererei entfliehen


So lässt´s sich´s zusammenfassen, Dichterkönig: Das "Eigentlich" ist die In-die-Pflichtnahme gegen die Grillen, Phantasien und Spintisierereien, gegen das Uneigentliche, Irrelevante, gegen die Prokrastination und Verschwendung. Den Verdacht hat der Mann aus Frankfurt nur noch erhärtet: "Eigentlich" will aufzwingen, was wichtig ist, richtig und gut. Was eigentlich zu denken, zu tun, zu sagen wäre. Wenn da nicht wären: Grillen, Phantasien, Spintisierereien, Schlaf- und Traumlust, Wägbarkeit, Sowohl-als-auch, Muße. Das "eigentlich" ist also eigentlich ein Wort, das aus dem Wort-Schatz verbannt gehört, weil es ihn mindert und seine Bedeutungshöfe einschränkt.

Manches Mal indes braucht es das "Eigentlich" dann doch. (Sie sehen: Ich schreibe nicht, diesmal, "sie", "wir" oder gar "ich". Mit Grund.) Denn eigentlich will es gar nichts schreiben. Schlapp sein. Sich aus der Sonne legen. Gesichtsgymnastik machen. Oder so. Aber auf der Seite steht oben noch immer der depperte Tanz, von dem es sich ärgert, dass es überhaupt was dazu geschrieben hat. 

Das war doch so gewesen, eigentlich: "Haste das gesehen?", wurde sie gefragt und hat sich das aus der ARD-Mediathek hochgeladen. "Bisschen dämlich.", hat sie gesagt und damit hatte es sich. Erst später dann, als auf Facebook und Twitter im Sekundentakt beleidigt wurde, hat sie sich aufgeregt. Als die Leberwürstchen ans Werkeln gingen, die es nicht ertragen konnten, dass in der sogenannten Qualitätspresse das ARD-Sponsoren-Spektakel auf seinem Höhepunkt nicht ganz so doll gepriesen wurde wie bisher gewohnt. Als sich zeigte, dass gegen "unsere Helden" keine/r auch nur ein Flüsterwörtchen sagen darf, ohne dass die Volksseele kocht. Da ist sie sauer geworden und hat vom Leder gezogen (sagt man/n so???)  Und sie mag Fußball, trotzdem. Das Spiel, wohlgemerkt. 

Dennoch ist´s ihr/mir jetzt peinlich. Dass es so breit oben steht auf der Seite. So wichtig scheint. Eigentlich. Ist´s mir das nicht. Sondern. Davon heute nichts. Denn eigentlich will ich heute nix posten.

Eigentlich...
Denn was geschrieben ist, das steht eigentlich fest. 

(Hehe, da kommt der Schalk raus vom Aufpasser "Eigentlich": Denn eigentlich ist ja immer auch das Gegenteil genauso wahr. So gründlich ist der - eigentlich - nämlich gar nicht. Denn eigentlich ist "Eigentlich" immer nur ganz eingeschränkt plausibel. Uneigentlich  wenn eine so will. Eine Doppel-Existenz: Ordnungshüter und Chaot in einem.) 


(To whom it may concern: Ich schalte hier grundsätzlich keine anonymen Kommentare frei. Wer sich nicht mal die Mühe macht, sich eine wiedererkennbare Open-ID zuzulegen, dessen Beiträge sind hier obsolet. Ich hatte das öfter schon mal geschrieben, aber es weiß vielleicht noch nicht jede/r Fan der Seite. Insgesamt tendiert meine Lust mit Menschen im Netz zu diskutieren, die sich bedeckt halten, sich z.B. hinter immer wieder wechselnden Nicks verstecken oder sich Fake-Identitäten zulegen, gegen Null. Ich glaube nicht an das Habermas´sche - oder irgendein anderes -  Kommunikationsmodell, bei dem logische Argumentationsketten von neutralen Vernunftsmenschen ausgetauscht werden, bis d i e Wahrheit sich zeigt. Ich glaube an Beziehungen. Und gehe von Wahrheiten aus.)



Mittwoch, 16. Juli 2014

GAUCHO-DANCER sind DOOF*-DEPPEN!

Schön, dass es nun (fast) jede mal gesehen hat: So sieht sie aus, die Männer-Fußball-Kultur. Wo man(n) Angst hat, mit Schwulen zu duschen, aber gern die Mütter der "Anderen" als Huren beschimpft. Wo Doofie-Delling (ARD) eine Aufnahme von Schweinsteiger mit Lebensgefährtin und Pokal mit den Worten: "Doppel-Trophäe" kommentiert. Wo Niersbach und Co. zur Pokalvergabe lebende weibliche Statuen als Dekoration anfordern. Wo ungepflegte, feiste Bierbäuche rumgrölen und schon mittags besoffen in den Graben pissen. Die schmuddelige Hand am Schritt. "Normale" Männer halt, wo sie noch sein dürfen, wie sie in echt sind. (Und dabei, freilich, wer wollte es leugnen: Frauen, die so "ganz normale" Männer toll finden, ihnen das Bier anschleppen und auch gern brüllen, wenn einer am Boden liegt: "Steh auf, du Sau!")

Ich finde das lustig, echt! Ich finde so "normale" Männer (und Frauen) so lächerlich, dass ich mich wegschmeiße, wenn ich die seh´. Kaum zu glauben, dass es sowas noch gibt. Echt gruselig und eklig und saukomisch. Eine Gaudi, Gauchos!

Nur blöd: Diese Fan-Männer sind sehr wehleidig. Ihre "normalen" Frauen auch. Jetzt heulen sie wieder. Weil manche ihre "ganz normale" Fußballwelt öffentlich nicht so toll (sondern eher ziemlich Scheiße) finden (in der Taz, der FAZ, dem Spiegel z.B. gibt´s solche Spaßbremsen und Humorlosen, echt eh!). Manche haben halt keinen Bock drauf. Oder wenden sich angewidert ab. Oder lassen mal grob raus, was sie von solchen Typen halten. 

Zur Beruhigung derjenigen, die ihren Spaß immer dann am besten haben, wenn sie irgendwen niedermachen oder beleidigen: Klar, das ist nicht verboten! (Freies Land und so... Man wird doch noch...) Ihr könnt das machen! Aber leider, leider, Heulsusen, müsst ihr damit leben, dass es nicht jedem und jeder gefällt. Dass manche nicht lachen, sondern ihre Schlüsse ziehen. Keine sehr schmeichelhaften für euch. So ist das halt. Manche verlieren Fußballspiele und werden danach von den "Siegern" und deren Anhängern runtergemacht. Und manche benehmen sich deppert - und werden dann auch noch verhöhnt. Gemein, gelle? Wie hier. Zum Beispiel.

Mensch, Normalo-Männer-Fußball-Kultur-Liebhaber und -Liebhaberinnen, das müsst ihr abkönnen! Wer austeilt, muss auch einstecken können. Man wird das doch noch mal sagen dürfen, echt jetzt, dass man euch für öd und eklig hält. Da müsst ihr ´nen bisschen Spaß verstehen, Flachhirne und Bierwampen! Ist doch nicht so gemeint! Ist doch nur Spaß! Nur Spaß, echt, ehrlich und drum. Kriegt euch ein. 

(Und noch eins, Dösboddel: Ich kenn´ mich aus auf den Fußballplatz-Rängen vom Männerfußball. Da tummeln sich auch ganz viele nette Leute. Wie Helmut zum Beispiel. Und Dumpfbirnen, wie der F. zum Beispiel. Das nur, falls jetzt wieder die alte Leier anfängt: Akademiker_innen verderben Prolos den Spaß. Humor und Benimm sind keine Frage der Bildung oder des Geldbeutels. Manche Leute haben Eltern, die sie so erziehen, dass sie Mobben, Dissen und Beleidigen blöd finden. Und manche Leute haben Eltern, die ihnen beibringen, dass das ganz besonders lustig ist. Die ersteren sind nicht immer gebildet oder reich und die letzteren nicht immer ungebildet und arm. Ich habe eher öfter das Gegenteil erlebt.)

Ach ja, und außerdem: Ich hab´ mich während der WM über ein paar sehr schöne Spiele gefreut und über den Sieg der deutschen Männer-Fußball-Nationalmannschaft im Endspiel auch. Mit den notorischen Anti-Deutschen, die jede exotische Kultur und jedes chauvinistische Gehabe aller möglichen Gruppierungen und Nationen ganz toll und ganz schützenwert finden, aber es bei den Deutschen immer ganz, ganz schlimm, mit denen hab´ ich auch nix am Hut. Gregor Keuschnig hat über diese Spezies einen feinen Text geschrieben, dem ich voll zustimme: Die Gesinnungs-Euphoriker. Hättet ihr nicht gedacht, was? Deshalb: Die Diskussion, ob "Deutsche sowas dürfen", ist tatsächlich vollkommen kenntnisfrei. Das ist internationaler Männer-Fußball-Standard und erhebt international Anspruch auf allseitig Anerkennung als eine der letzten standhaften Bastionen des untergehenden Patriarchats. Deshalb auch die Wut, wenn´s nicht jeder gefällt :-). 

Und: Das ist kein Skandal, der Gaucho-Tanz. Beileibe nicht. Nicht mal ein Skandälchen. Nur doof. Wird man ja wohl noch mal sagen dürfen...


*Ursprünglich stand da: Dorf-Deppen. Das nehm´ ich zurück. Die Art Deppen gibt´s in der Provinz so gut wie in den Metropolen. 

Montag, 14. Juli 2014

Bloggen. Archive gegen das Ursache-Wirkungs-Prinzip? Gehorsam gegen die Logik des Willens zur Macht!

Ein Blog, so dachte ich, als ich begann (Februar 2010), ist ein Archiv. Nicht nur der Träume, aber auch. Der Lese-Abenteuer und Denk-Pirouetten. Aber: Kein neuer Versuch, die Ursache-Wirkungs-Kette zu schließen: "Warum es kam, wie es kommen musste" oder "Wie ich wurde, wer ich bin" usw. etc.ppp. Nichts davon! Sondern: Eine Fundgrube der (Selbst-) Vergessenheit, ein Denkmal und eine Feier des Vergessenen; ganz ohne Vorwurf und Schuldgeständnis jedoch, wie: "Dass du das nicht mehr weißt." Sondern: Bausteine, die auf nichts zu Verfertigendes abzielen, Gleise und Weichen, die nirgendwo hinführen sollen. Anschlussstellen, Schmiegen, Ruhekissen, Unruhepikser. Sowas. Halt.

Meistens ist ein Blog all das nicht. Wird nicht dazu. Treibt nur vor: voran, weg, weiter. Dann aber: Ein Hinweis. Jemand ruft heute den ganzen Tag über immer wieder das hier auf:


Ein Zufall. Eine Nachricht. Genau jenes Teil, jene Passung, jene Fügung, die mich führt. Ich gehorche. 

Folge den Links, die ich vor langer Zeit setzte. Folge der, die ich war und lande bei der. Notwendig. Die Feier der Vergessenheit ist der unaufhörliche Widerstand gegen das Relevante. 

(Wohin ich in Wahrheit gehöre. Ich bin sehr weit weg von da.)

KEINE SOLIDARITÄT MIT HAMAS (gegen Antisemitismus und Anti-Islamismus)

Gegenwärtig finden überall in Deutschland und europaweit unter dem irreführenden Label "Friedensdemostrationen" antisemitische Kundgebungen statt, auf denen die Hamas gefeiert und Israelis pauschal als "Kindermörder" beschimpft werden, u.a. gab es eine solche Demonstration auch in Frankfurt am Wochenende. In Paris schlossen Pro-Hamas-Demonstranten jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger in einer Synagoge ein. 

Auch in meiner Timeline (auf Twitter und auf Facebook) lese ich seit Tagen Solidaritätsadressen von (vor allem muslimischen) Menschen mit Palästina. Ich frage mich, wenn ich diese Beiträge lese, ob ihnen das Leben und die Gesundheit jüdischer Israelis und jüdischer Bürgerinnen und Bürger überall auf der Welt genauso viel Wert ist, wie das der Menschen in Palästina. Denn ich lese von dieser Seite bisher leider überwiegend einseitige Posts, die nur Opfer auf palästinensischer Seite  kennen und nur Täter auf israelischer. Während ich von vielen Israelis und jüdischen Kommentatorinnen und Kommentatoren sehr differenzierte, auch sehr kritische Artikel über das Vorgehen der israelischen Regierung gelesen habe, vermisse ich ähnlich differenzierte Worte, auch Worte des Mitgefühls und der Solidarität für jüdische Opfer des Konfliktes. 

Ich hoffe jedoch, dass viele von denen, die ihr Mitgefühl angesichts der palästinensischen Opfer zum Ausdruck bringen, genauso viel Mitgefühl und Solidarität mit den Opfern der Hamas empfinden und sich von deren Antisemitismus klar distanzieren. 

Ich wünschte mir allerdings sehr, sie würden dieses Mitgefühl auch öffentlich zum Ausdruck bringen und durch eine differenziertere Sicht auf den Konflikt nicht zu noch mehr Aggression und Hass zwischen den Konfliktparteien beitragen.