Dienstag, 2. Dezember 2014

PUTZTAG (Für K.)

 Mein Mantra: Kann nicht. Mehr. Und Du?


Dem. Nicht. Gewachsen.

("Ich war´s nicht", sagt sie.)

Aus dem kam sie nicht.
Weil diese Art Höhlen nur besetzen, 
aber nicht bewohnen kann.

("Das ist lachhaft", spottet sie.)

Gewachsen war sie nicht. Genug.
Sie fühlt sich schuldig, deshalb. 
Zu schön kurz.
Gesprungen.

("Das habe ich nicht gesagt.", betont sie.)

Unwirtliche Orte in Heimstätten wandeln.

Kann sie. Noch.
Kehraus.

("Ich schmisse das raus. Endgültig.")

Wahrlich. Alles lässt sich putzen.
Wenn du kommst. 

("Halt die Klappe, dummes Stück.")

Nicht gewachsen. 
Genug.


(Denk dir selbst die Geschichte dazu aus. Ich hatte Alpträume heut´ Nacht!)

Samstag, 22. November 2014

ZURÜCK AUF ANFANG ("Du kannst niemandes Heimstatt sein.")




"Dass du dir diese Gestalt gibst, Heilmann, macht dich nicht glaubwürdiger." Sie klang härter, metallischer, ihre Stimme, als sie beabsichtigt hatte. Heilmann war aus seinem Suff erwacht und blinzelte hinter der Brille, die sie ihm auf die Nase gesetzt hatte. Er wollte sie mit der Hand wegwischen, dieses Gestell einer demonstrativen Intellektualität, mit dem sie ihn ausgestattet hatte, absichtlich, um den Blick abzulenken, nicht nur den ihren. Bei Almuth hatte er nie eine Brille getragen. Seine Lider wie weggeschnitten, so hatte er Almut gesehen, kein Zwinkern hatte seine Augen auch nur für Sekundenbruchteil von ihrem Antlitz verschont. Almuth, der er zuletzt die Augäpfel ausgeschnitten hatte, um den Teufel zu befriedigen. "Doch nur im Traum." "Between grief and nothing."

Sie saß auf seiner Bettkante, die Melusine, sah hold und demütig aus wie eine gütige Mutter und schob ihr Knie unter seinen Kopf. Er wollte nicht ruhen, sich nicht an sie lehnen. Er gab ihr noch immer an allem die Schuld. Aber sein Körper gehorchte ihm nicht. "You took nothing." Sie sprach es ohne jeden Vorwurf aus. Er war noch nie ein alter Mann gewesen. Der Teufel hatte ihm einen Deal angeboten und er hatte ihm die Mutter geopfert für den Sohn. Um diesen Preis: Dein Sohn wird leben, wenn du dich ergibst. "Kann nicht kapitulieren", hatte aber die Melusine einmal über ihn gesagt. Das musste im 20. Jahrhundert gewesen sein, nach einem der großen Kriege. Sie lächelte müde auf ihn herab: "Da liegst du nun."

Er wollte sich erheben. Standhaft bleiben. Ihr Lachen perlte in seiner Erinnerung. "Du gibst keinen Helden ab mit deinem Stohhütchen und deinem gestreiften Sommeranzug, Heilmann. Zierlich wie du bist und weich." Das war 1913. Da waren die Härchen auf seinem Handrücken blond gewesen, die sich aufrichteten, ihren Fingern entgegen. Der Wind strich über das kaspische Meer, Turkmenbasi hieß der Hafen, in dem ihr Schiff anlegte. Das war jedoch ohne Bedeutung. Ihrem Schicksal begegneten sie dort nicht. Sie verbrachten nur wenige ruhige Tage unter Deck. Als wenn Almuth nicht werden würde und keine Willoughbys, nirgends. Als habe die Zukunft sich verzogen, gelegentlich, doch währte es niemals lang. Wie damals am See.

"Heilmann. erinnerst du dich?" Er schwieg. So leicht konnte er ihr nicht vergeben. Und sich. Sie ergriff seine Hand. "Sieh, wie die Adern hervortreten." Er kniff die Augen absichtsvoll zu wie ein störrisches Kind. "Du wirst nun runzlig, Heilmann. Für ein einziges Leben des Willoughbys hast du dich hergegeben." "Mein Sohn..." Heilmann wollte sich rechtfertigen mit weiter geschlossenen Augen. "Pscht..." Sie fuhr ihm mit den Fingern über die Lippen. "Ich weiß. Ich verstehe es nicht. Du hättest doch wissen müssen...Au." Er hatte sie in den Daumen gebissen. Sie beugte sich über sein Gesicht: "Mein Kind." Heilmann war wie gelähmt. Er hätte sie schlagen müssen, sie unter das Bett treten wie zuvor, um dem vorzubeugen. 

"Du weißt, du kannst niemandes Heimstatt sein." "Mein Sohn.." wiederholte er trotzig. Sie stand auf. "...bist du.", setzte sie den Satz fort. "Du dachtest wahrhaftig, du könntest mir entkommen, Heilmann." 

Sie hatte ihre Drachengestalt angenommen, ihn schauderte vor ihrer schuppigen Haut. Wie gewaltig sie über seinem Bett lungerte, wie sie ihn anfauchte aus ihrem riesigen, feurigen Maul, wie sie die Flügel ausbreitete in der winzigen Kammer und die Wände fortsprengte und flog. Als ein kraftloser Greis hielt er den Himmel in Armen. Um ihn lichteten die Flammen, verglühte das Holz, verkohlte sein knochiger Körper. Asche stob auf  und fiel grau in sich zusammen. 

Dann.

Da war mir als sey ich entsprungen
Dem innersten Leben der Mutter,
Und habe getaumelt
In den Räumen des Äthers
Ein irrendes Kind.

Heilmann weinte in seiner Wiege: "Maman."

Montag, 17. November 2014

Wortschatz: WISZBEGIERIG


Die Gier ist eine Sünde und unter den Gierigen sind die Wissbegierigen nicht die harmlosesten. Sie wollen wissen: Wieso, weshalb, warum? - Diese Fragen sind doch eher dumm. Wie? Wo? Was? Wozu? - könnten sie auch lauten, dann hätten sie Sinn, statt welchen zu machen. Oder? (Schweiz´risch zu sprechen mit lang gerolltem ´r´).

Die Anstalt des Lehrens und Lernens, eine Zwangsveranstaltung und über die Jahre ein Hort und Ort literarischer und tatsächlicher Demütigungen unwilliger und missbrauchter Zöglinge, namentlich in der humanistischen gymnasialen Form: schnarrender Offizierton, Gewaltformation, liederliche Bubenstreiche. Repression, Ressentiment und Regression. Gut dressiert oder wohlerzogen?

Gegen all das Wissen der Besserwisser und Kulturkenner besteht: Ich ging gerne hin, nicht nur um Freundinnen und Freunde zu treffen. Weil ich was wissen wollte. Wovon ich noch nichts wusste, nicht einmal wusste, oft, dass es sowas überhaupt zu wissen gab. Mich trieb weniger die Gier (oder: der Wille zum Wissen) als das Begehren. Nicht, "was die Welt im Innersten zusammen hält", fragte ich mich, sondern bloß: "Was es so alles gibt..." Und: "Wie das so geht? Wie die anderen was so ganz anders machen? Wie was ausschaut?" Das bloße Mehr. Meer. Weite. Horizont. 

Frau Otto, Latein, erzählte stundenlang spannend von Hannibals Zug über die Alpen. Elefanten verreckten im Schnee. Der Zimbo legte seine leere Aktentasche auf den Tisch, schnäuzte sich die Nase und sprach 90 Minuten druckreif über Platon. Manche schliefen ein. Ich lauschte gebannt. Catweazle schickte uns mit Mikrophonen zur Exorzistenjagd in die Fußgängerzone. Sein Bruder Manni bewarf uns mit Schlüsseln. Wir warfen im freien Fall Tennisbälle vom Schuldach und hobelten in der Werkstatt Bretter. Das Sprachlabor bewährte sich nicht.

Lauter Chancen, fand ich. Viele vertan. (Das will ich nicht wissen.) Wiszbegierig. Ich ging gerne hin. Meistens. War es mehr Vergnügen als Pflicht? Im Morgengrauen paukte ich die Vokabeln. Eine Welt, die größer, weiter und bunter wurde als das Dorf, als die Erzählungen der Männer im Zigarrenwinkel und der Frauen in der Waschküche. Die lernte ich in der Schule kennen. Später fand ich, dass Hanno Buddenbrook eine Heulsuse sei. Aber wahrscheinlich hatte das Sonntagskind, das ich blieb, einfach verdammt viel Glück. 

Freitag, 14. November 2014

Das Leben der Anderen ("The book of love is long and boring...")

Manchmal macht man sich vor, dass etwas plötzlich zu Ende gegangen ist. Wie vom Blitz getroffen... Selten stimmt das. Von Außen betrachtet, haben es die meisten schon lange gespürt, einige gewusst. Aber von Innen hat es eine oder einer oder beide oder die drei und vier oder viele nicht wahrhaben wollen. Es gibt nicht nur Anzeichen. Beziehungen und Lebensphasen sind kein Detektivspiel. Fast immer geht es um Gleichgewichte, auch wenn der Romantizismus das nicht glauben mag. Wenn die Balance aus dem Lot geraten ist und sich keine bemüht, sie wieder herzustellen, lässt sich selten etwas retten. Romantiker arbeiten nicht. Nicht für Geld oder Liebe. Falling in love...: Ein Absturz, der wie ein Flug erscheinen mag. Das kann sich hinschleppen oder auch mit einem Eklat enden. Jedenfalls endet es. Balance halten ist schwierig, vor allem, wenn immer wieder andere Gewichte auf die Waage gelegt werden. Neue Begegnungen, Zuwendungen, Entzüge. 

Was Du nie erleben wirst (als Romantiker): Das Wir zu denken. Du bleibst immer beim Du. Anziehungskräfte und Ablösungserscheinungen. Was Du nicht weißt: Was Liebe ist, endet nie. Denn Du bleibst für immer bloß in die Liebe verliebt. Denn alle Lust will Ewigkeit.

Aus der Warte der Beobachterin: Keine Göttin sein wollen, der es ein amüsantes Theaterspiel ist. Die Zuneigung bleibt (nicht ohne einen Hauch Mitleid). Es hilft niemandem, unerbetene Ratschläge zu erteilen. Trau nicht, wollte ich schreiben. Lass dich nicht berühren von dem. Sie weiß besser als ich, wo sie sich weh tun lassen will. 

Jeden Tag sich erinnern, wofür es sich dankbar zu sein lohnt (weil gänzlich unverdient):  Keinen Tag gelebt zu haben, ohne geliebt zu sein. Und daher frei zu sein für das: WIR.  




Magnetic Fields: The Book of Love

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Dienstag, 11. November 2014

Herzensseufzen





dines seren herzen sufzen unde biben
hat min gerethekeit von dir vertriben
Mechthild von Magdeburg




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Donnerstag, 6. November 2014

UMBAU-ARBEITEN im Gleisgefüge (Kleine Treuen)



gieb, dasz ich stets voll reiner triebe 
mich gern in kleinen treuen übe

Gesangbuch Gnadenau



Hier finden zur Zeit Umbauarbeiten statt. Realreal, fiktionalreal, phantastischreal. Tote Gleise. Neue Weichen. Ich schreibe nicht für Geld und gute Worte, sondern nur, wenn ich muss. Einiges wird am Ende nicht nur anders aussehen. Manches kann verschwinden. Archive in Ehren, doch auch die Vergessenheit verlangt ihren Tribut. Es hat hier nie eine sich veröffentlicht, die glaubte, im Besitz von Wahrheiten zu sein, deren die Welt bedürfe.  Ich folge keinem Plan, sondern der guten Fee Resignation. So long, fellows. 

Mittwoch, 5. November 2014

Auf die Fruchtbringende Herbst-Zeit


Freud'-erfüller / Früchte-bringer / vielbeglückter Jahres-Koch /
Grünung-Blüh und Zeitung-Ziel / Werkbeseeltes Lustverlangen!
lange Hoffnung / ist in dir in die That-Erweisung gangen.
Ohne dich / wird nur beschauet / aber nichts genossen noch.
Du Vollkommenheit der Zeiten! mache bald vollkommen doch /
was von Blüh' und Wachstums-Krafft halbes Leben schon empfangen.
Deine Würkung kan allein mit der Werk-Vollziehung prangen.
Wehrter Zeiten-Schatz! ach bringe jenes blühen auch so hoch /
schütt' aus deinem reichen Horn hochverhoffte Freuden-Früchte.
Lieblich süsser Mund-Ergetzer! lab' auch unsern Geist zugleich:
so erhebt mit jenen er deiner Früchte Ruhm-Gerüchte.
zeitig die verlangten Zeiten / in dem Oberherrschungs-Reich.
Laß die Anlas-Kerne schwarz / Schickungs-Aepffel safftig werden:
daß man Gottes Gnaden-Frücht froh geniest und isst auf Erden.






Catharina Regina von Greiffenberg (1633-1694)

Samstag, 1. November 2014

Versuche über Liebe*

Zum Beispiel soziologisch: Die Liebe als System. Als Projekt. Als Aufgabe. Oder: Das Verlangen - "Ich will Dich." (Diese Drohung soll als Kompliment verstanden werden in mancher Kultur, in unserer. Nämlich: Was uns hindert zu lieben.)

Anders:
Die Liebe ist die Freude an der Freude des anderen (ohne mich).
(Wer liebt, schaut hin. Die Liebe ist passiv und nimmt den Blick nur auf.)

Denn: Jeder Kampf um Liebe ist ohne Liebe. 

(Aus der Ferne liebe ich. 
So sehr ich mich sehne, lasse ich dich gehen.
Kommst du?)

Stattdessen: "Ich will dich sehen."

Das Verlangen nach Gerechtigkeit vernichtet die Liebe.
Die Liebe schuldet nichts. 
Sie nimmt nicht, nur auf. 

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* gedacht ohne verdummende Einschränkung auf heterosexuelle Flirt-, Selbstbestätigungs- und Besitzstandsspiele

Sonntag, 26. Oktober 2014

VERSTECKTE BOTSCHAFTEN (+ Sonntagslied)

Mit allen, sagt sie, müsse man reden. Meinetwegen kann man das versuchen. Fragen stellen. Zuhören. Ernst nehmen. Kann man ja machen. Muss ich aber nicht. Das ist auch Freiheit, vor allem: Gespräche zu verweigern. Sich abwenden. Nicht bekämpfen, sondern ablehnen, kompromisslos. Nicht ansprechbar sein, nicht ernst nehmen, nicht zuhören, nicht stehen bleiben. "Mit denen will ich nix zu tun haben." Das will sie nicht hören. Nicht von mir jedenfalls. Denn sie hält mich für intelligent. Ich traue mich nicht, ihr zu sagen, dass ich ihre Gesprächsbereitschaft für eine Dummheit halte. Und wie sehr ich mir wünsche, sie könnte auch mal die kalte Schulter zeigen. Keine Überzeugungsarbeit leisten (eine Wortkombination, die ich aus tiefem Grunde hasse). Ich mag sie, aber sie geht mir auf die Nerven, wie sie so unbelehrbar auf das Gerede setzt und sich immer wieder enttäuschen lässt. Ich bewundere die Heiligen nicht, sondern halte sie - meistens - für Idiotinnen. Besonders die Märtyrerinnen. Es macht genauso blöd, sich eine Unverletzbarkeits-Rüstung anzuziehen (z.B. name dropping, apodiktischer Stil, Normalitätswahn, "Natürlichkeit", Passiv-Konstruktion und "man"), wie sich von Gerüsteten vorsätzlich verletzen zu lassen. "Lass sie stehen", sage ich. Aber sie hat noch nie auf mich gehört in solchen Fällen. Sie ist das Opfer der Opfer, das Ohr der Zurückgesetzten, die Anlehnschulter für die verfolgenden Verfolger. Ich mag sie trotzdem leiden. Oder deshalb?

Offenbach: Zwei abgewrackte Hosenpisser überfallen einen Busfahrer im Hotel, angeleitet von einem Semi-Kriminiellen mit Karriereplänen. Drücken ihm ein Kopfkissen ins Gesicht bis er fast erstickt, um ihm seine wenig gefüllte Brieftasche zu klauen. Die früher linksliberale Zeitung berichtet. Sechs Absätze für die Ex-Realschüler mit mittelmäßigen Berufsaussichten aus dem Migrantenmilieu, die nicht wissen wollen, was sie taten und warum. "Was trieb sie zur Tat? Das wissen sie selbst nicht mehr." (Man wird mit ihnen reden müssen, nehme ich an.) Der Busfahrer hat seinen Arbeitsplatz verloren wegen der Traumatisierung durch den versuchten Mord. Der ehemals linksliberalen Zeitung ist sein Schicksal zwei Zeilen wert. (Wer wird mit ihm reden?) 

Ich habe überlegt, ob ich schreibe: "Trau nicht." Und mich dagegen entschieden. Es geht mich nichts an. Nur wer etwas bewahren kann, ist vertrauenswürdig. Viele reißen unbedenklich mit dem Arsch ein, was sie mit den Händen aufgebaut haben. (Diese abgedroschene Metapher will ich seit Wochen mal irgendwo unterbringen). "Unbedenklich" ist gut. Kaum eine/r tut das mit Absicht. "Sei auf der Hut", hätte ich auch schreiben können. Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Hüten und hüten, obwohl ich mir das einbilden mag: "Ein keckes Hütchen auf dem Kopf behütet sie die Herde." Die Verbindung von Schalk und Wärme. Und Schafe. Aber das ist natürlicher Blödsinn. Den kann ich trotzdem leiden. Oder deshalb.


(Die Sklaverei scheint Gott nicht sehr gestört zu haben, entnehme ich den Schriften. Unter anderem. Ich muss auch mal wieder was anderes lesen.) Von oben sieht alles ganz anders aus. Und wir sind Fabelwesen. Ganz ohne den Schleier zu nehmen. Auch. 




"I´m happiest when I exist through my favorite TV-shows."

Freitag, 24. Oktober 2014

KNIEFREI ("Warum ans Meer?")

Der Herbst nahte. "Kurzmäntel sind im Angebot.", hatte die L. gelesen. Seit sie die B. kannte, brauchte sie keine Kurzmäntel mehr. Kurze Mäntel in bonbonen Farben passten zu schmalen, beigen Hosen und hochhackigen braunen Pumps. Augenmerk auf Fessel-Spiele. So etwas trug die L. nicht mehr, seit die B. sie im Griff hatte. Sie hielt es jetzt mit dem Knie, das ein grüner Rock umspielte. "Ich hab dein Knie gesehen, das durfte nie geschehen.", flüsterte die B. ihr ins Ohr und knabberte am Ohrläppchen. Immer links. "Ich will dich in einem schulterfreien Kleid sehen." Die L. lachte. Sie durchlief die Therapie, die ihr die B. verpasste, im Schnelldurchlauf. Nur dass die B. selber nicht wusste, wohin das führen sollte. "Ich wünschte," probierte sie aus, "ich hätte dich wie ein Schwester geliebt." Der L. stiegen die Tränen in die Augen. "Wir hätten Freundinnen sein können. Dann wäre alles anders gekommen." Als ob sie wüssten, was kam oder gekommen wäre. Als lebten sie in der Zeit, die sich davon stehlen konnte. Sie hatten die Anstalt verlassen, bildeten sie sich ein. Die L. hatte der B. einen Entlassungsschein geschrieben und ihre Stellung gekündigt. 

Sie waren ans Meer gezogen. "Warum ans Meer?", hatte die L. gewagt zu fragen. Aber die B. hatte das mit einer flüchtigen Bewegung weggewischt. Was sonst? Wo die Schiffe anlegen könnten, wenn... Und unsere Flügel... "Was weiß ich schon", dachte die B. Über uns braut sich etwas zusammen. Vielleicht werden schon bald wieder Kutschen über das Kopfsteinpflaster holpern, hinunter zum Hafen. Oder auf dem Salzhaff könnte ein UFO landen. "Das ist lächerlich.", ermahnte sie sich selbst, wenn die L. schlief. Dennoch: Warten ist ein Glück, dem wir uns anvertrauen, weil wir müssen. Wir tun so, als seien wir entkommen. Solange es geht. Auf dem Kirchturm zitterte im frischen Wind der Hahn. Der Himmel stand hoch und blau, als verdecke er nichts und niemand. In der Nacht funkelten kalt die Sterne am Firmament. Die B. wirbelte um die eigene Achse, bis die Welt sich drehte und Sternschnuppen kreisten. Fielen die Schuppen von ihr ab? Eines Tages..."Komm herein", rief die L. in den Garten, "denn: Gott ist tot." Das war nicht zu glauben, solange es wahr blieb.

In der Zentrale herrschte Verzweiflung. Dass die L. und die B. Liebe spielten, war nicht nur unerwartet, sondern gefährlich. Jede Verbindung, dachte man, so sie je bestanden hatte, war nun abgerissen. Hätte man die beiden mit Gewalt in der Anstalt halten sollen? Es lag einiges an Material gegen die L. vor. Das hätte sich machen lassen, vergleichsweise unauffällig. Dr K., noch aus dem Ruhestand, hätte das Gutachten so gut schreiben können wie der H., der ohnehin einiges gut zu machen hatte. Doch hatte man davon abgesehen. Man glaubte fest daran, die L. auch so loszuwerden. "Die B. wird sie schon bald wieder sitzen lassen. Und dann..." Diese Auffassung hatte sich durchgesetzt. "Die B. kann nicht treu sein." Dabei war gekichert worden und geflüstert. Diese Leute ließen sich leicht lenken. Die Vivipara seufzte, wenn sie daran dachte. Trotzdem fühlte auch sie sich verwirrt: Die Zartheit, mit der die B. die L. in die Kissen drückte... Sie verstand es gerade deshalb nicht mehr: Wonach suchten sie? Was war noch mal ihr Auftrag gewesen? Gott und die Liebe. Falls wir nicht Gott sind... Die Vivipara zuckte die Achseln. Na und? Es erschien ihr immer unbedeutender. Sie las Epikur. Den konnte man so gut missverstehen wie jeden. Die Menschlichen blieb unbegreiflich. Sie wollte es nicht mehr wissen.

Von oben kam nichts. In all diesen Jahren.


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